[Kommentare: 8]

Expertenrunde

Leiden im Knast sind menschenrechtswidrig

Für die Haftbedingungen in Deutschland finden Experten zwei Worte: "trostlos und schockierend“. Bürgerrechtler zeichnen ein düsteres Bild des Lebens in deutschen Gefängnissen.
Anzeige
Bild vergrößern
„Die Haftbedingungen in deutschen Gefängnissen sind nicht mehr vereinbar mit den Menschenrechten.“ Zu diesem Fazit kam am Wochenende das Komitee für Grundrechte und Demokratie. Die Bürgerrechtsorganisation hatte in Bonn zu einer öffentlichen Anhörung eingeladen, Thema der Expertenrunde waren die Lebensbedingungen im Gefängnis. Dort verbüßen derzeit rund 75 000 Menschen eine Freiheitsstrafe.

Das Ergebnis dieser Bestandsaufnahme bezeichnete Komitee-Sprecher Helmut Pollähne als „trostlos und schockierend“. Die anwesenden Fachleute, darunter viele Rechtsanwälte und Richter, zeichneten ein düsteres Bild vom Alltag hinter Gittern. Immer noch seien die Gefängnisse überfüllt, immer noch seien Häftlinge gezwungen, mit anderen einen Haftraum von wenigen Quadratmetern zu teilen. Pollähne bezeichnete es dabei als unfassbar, wie wenig sich in den letzten Jahren verbessert habe. In einigen Justizvollzugsanstalten müsse sogar noch darum gestritten werden, die Toilettenräume in der Gemeinschaftszelle mit einem Sichtschutz abzutrennen.

„Das Leben im Gefängnis ist perspektivlos und grauenhaft“, fasste eine Strafverteidigerin aus Hannover zusammen. Andere Teilnehmer sprachen von zunehmender Gewalt, steigenden Selbstmordraten, aber auch immer mehr Gefangenen, die psychisch erkrankten. Die Menschen litten unter der Trennung von ihrer Familie und den geringen Besuchsmöglichkeiten. Die Zahl der Lockerungen wie Hafturlaube und Ausführungen sei zurückgegangen, Personal werde immer weiter abgebaut, es ginge schon längst nicht mehr um die Resozialisierung. „Viele Gefangene dämmern dreiundzwanzig Stunden am Tag in ihren Zellen vor sich hin“, beschreibt eine Gefängnisseelsorgerin aus Nordrhein-Westfalen ihre Erfahrungen.

Drastisch schildert der Kölner Journalist Klaus Jünschke das Gefühl des Eingesperrtseins: Die Gefangenen reagierten teilweise panisch, wenn die Zellentür abgeschlossen werde, sie stünden Todesängste in den kleinen Räumen aus. „In der Gefängniszelle erleben sie die totale Ohnmacht“, beschreibt Jünschke, der RAF-Mitglied und sechzehn Jahre in Haft war, die Hilflosigkeit der Gefangenen. Jünschke forderte, mit dem „Prinzip Zellengefängnis“ Schluss zu machen: „Es geht nicht an, Menschen in Räume zu sperren, die nicht einmal sechs Quadratmeter groß und noch zur Kaiserzeit erbaut worden sind.“

Eine Richterin aus Frankfurt/Main beklagte die faktische Rechtlosigkeit der Gefangenen. Selbst wenn Gefangene mit Erfolg bessere Haftbedingungen einklagten, die Anstaltsleitungen könnten machen, was sie wollten. „Es gibt keine Möglichkeit, die Gerichtsbeschlüsse zum Beispiel mit Zwangsgeldern durchzusetzen.“ Das sei vom Gesetzgeber nicht vorgesehen worden.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.09.2008)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Von Grund auf
Auftrag, Ausrüstung, Finanzen, Struktur: Die Bundeswehr ist renovierungsbedürftig

Wiedereröffnung:

Die Nikolaikirche: Wie neu erschaffen
Die Nikolaikirche, Berlins ältestes Gotteshaus, wurde zwei Jahre lang saniert. Überwältigend schön strahlt nun wieder das mittelalterliche Bauwerk. Am Sonntag wird die Kirche, die inzwischen ein Museum ist, wiedereröffnet.

Kommentare [ 8 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von zp zp ist gerade offline | 22.9.2008 12:07 Uhr
vielleicht sollten sich diese
experten auch mal ansehen, warum einer in diesen umständen leben muss. bevor in deutschland einer einfahren muss, hatte er mehr als genügend chancen, sich wie ein normal situierter mitteleuropäer zu benehmen. gefängnis ist kein urlaub sondern in erster linie strafe. diese leute haben bei ihrem ganze latten von straftaten auch nicht nach den gefühlen der menschen gefragt auf denen sie rumgetrampelt sind.
Comment
von undercover0815 undercover0815 ist gerade offline | 22.9.2008 14:18 Uhr
schockierende Tendenz ...
... in Deutschland. Hartz IV-Bezieher können sich kaum noch einen Urlaub leisten und die Gefängnisse werden immer ungemütlicher. Wie sieht es eigenlich diesbezüglich in anderen Ländern aus?

Übrigens: Als die Justizvollzugsanstalt in Berlin Spandau/Hakenfelde entstand, bekundeten unkundige Anwohner ihr Interesse an einer Eigentumswohnung in dem Rohbau. Zu ihrer Verwunderung erfuhren sie bei ihrer Nachfrage, dass sie nur bei MASSIVEN Verstößen gegen das StGB eine Chance haben, nach Fertigstellung des Gebäudes einzuziehen.
Comment
von sasel sasel ist gerade offline | 22.9.2008 16:56 Uhr
Wie schön, dass Jünschke
sich für rechtens verurteilte Straftäter stark macht. Ich hoffe, dass die gleiche Sensibilität für die Leider der Opfer oder deren Angehörigen dieser Straftäter - die nicht wegen Eierdiebstahls einsitzen - geäußert werden. Wenn mich nicht alles täuscht kann jeder selbst entscheiden ob er mit dem Gesetz in Konflikt gerät oder nicht. Die Opfer dieser Täter aber nicht!!!!!
Comment
von ebenrot ebenrot ist gerade offline | 22.9.2008 17:20 Uhr
Ein Knasttag hat 23 Stunden ?
Was sollen denn die Gefängnisse für deren 'Bewohner' bieten? Sie sind keine Einrichtung zum Vergnügen der Aufenthaltsverpflichteten sondern diesen vor Augen zu führen, wie toll es draußen ist, mit der Hoffnung, daß von dieser Erkenntnis oder Einsicht etwas bei ihnen hängen bleibt. Das wäre dann ein echter Schritt zur von den sogenannten Experten angemahnten Resozialisierung der Gesetzesbrecher.
Wer im Loch sitzt hat in diesem Lande den Anlaß stets selbst erzeugt.
Comment
von invinoveritas invinoveritas ist gerade offline | 22.9.2008 18:08 Uhr
Einfach lachhaft!
"Die Gefangenen reagierten teilweise panisch, wenn die Zellentür abgeschlossen werde, sie stünden Todesängste in den kleinen Räumen aus." Was ist mit den Ängsten der Opfer? Da erfolgt die totale Ausblendung. Es wird niemand gezwungen, straffällig zu werden, aber wenn man sich einmal für diesen Weg entschieden hat, dann bitte mit allen Konsequenzen. „Es geht nicht an, Menschen in Räume zu sperren, die nicht einmal sechs Quadratmeter groß und noch zur Kaiserzeit erbaut worden sind.“ Es geht auch nicht an, kriminell zu werden.
Comment
von eban eban ist gerade offline | 22.9.2008 18:33 Uhr
Das gibt es auch in anderen Institutionen...
"immer noch seien Häftlinge gezwungen, mit anderen einen Haftraum von wenigen Quadratmetern zu teilen." Arme Knackis. Wo es das auch gibt? In Krankenhäusern, in Altenheimen. Da werden wildfremde Menschen zusammen in ein Zimmer gelegt, u. sie haben mitnichten einen Einfluss darauf, mit wem sie zwangsweise ihre Intimsphäre teilen müssen: Anamnesegespräche mit Ärzten, Intimtoilette durch das Pflegepersonal, Übelkeit und Erbrechen vor den Augen und Ohren der Mitpatienten, die Liste ließe sich beliebig verlängern. U. diese Menschen sind in der Regel nicht durch eigenes Verschulden im Krankenhaus, im Gegensatz zu den Häftlingen. Insofern hält sich mein Mitleid in Grenzen. Artikel 1 GG sagt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das gilt selbstverständlich auch für Gefangene, erst recht doch aber für Patienten. Ja, u. selbstverständlich kann man Menschenwürde nicht graduell abstufen. Doch wenn man Verbesserungen anmahnt, sollte man da nicht eher bei den Hilflosen u. Unschuldigen beginnen?
Comment
von klaus_weiss klaus_weiss ist gerade offline | 22.9.2008 21:00 Uhr
@ebenrot
Den Finger schön in die Wunde gelegt.

Leider zeigt der gegenwärtige Zustand unseres Gerichtswesens (Richtermangel, fehlende Sach- und Personalmittel), daß Fehlurteile eben nicht unmöglich sind. Für 880 Tage im Knast, und das unter den oben beschriebenen Bedingungen, erhält man im Zweifel aber nur 11 Euro täglich minus "Unkosten".

Da Justizirrtümer nur solange keine Justizirrtümer sind, wie man den Irrtum der Justiz nicht nachgewiesen hat, wäre schon zu bedenken, was Haftanstalten zeigen sollen: Gerechtigkeit oder Rache. Ich kann das eine, ich kann auch das andere wollen, muß es dann aber deutlich sagen.

Ich wäre dafür, jeden Tag des unschuldigen Einsitzens mit 1000 Euro zu vergüten, dafür aber Fernsehgeräte und Radios aus den Zellen zu verbannen. Zur Information genügen Zeitungen. Außerdem sollten diejenigen unter den Insassen, die keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung besitzen, für den Fall des erfolgreichen Absolvierens einer solchen vorzeitig entlassen werden.
Comment
von unbekannt | 28.9.2008 15:22 Uhr
Die Diskussion war längst überfällig
Auszugehen ist doch vomn Urteil. Wenn der Angeklagte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird, heißt dies doch nicht, dass er in einer zu kleinen, dunklen, feuchten Zelle seine Strafe zu erleiden hat. Zudem ist oft die sanitäre Anlage nicht abgetrennt. Selbst in den Jugendvollzugsanstalten sind die Zellen nicht jugendgerecht eingerichtet: Sie sind zu klein und oft zu dunkel. Resozialisierung ist hier, wenn überhaupt, nur unter sehr erschwerten Bedingungen möglich.

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 20 + 2 = 


Anzeige
Weitere Themen

Kopfpauschale: Opposition spricht von Täuschung Lesezeichen hinzufügen

Die Opposition greift Gesundheitsminister Philipp Rösler für dessen Reformpläne ... mehr...

Ex-Leiter der Odenwaldschule gesteht sexuelle Übergriffe Lesezeichen hinzufügen

Zwei Wochen nach schweren Missbrauchs-Vorwürfen hat der frühere Leiter der ... mehr...

Kindesmissbrauch: Psychotherapeut hatte Münchner Erzbistum gewarnt Lesezeichen hinzufügen

Von Claudia Keller
Im Skandal um sexuellen Missbrauch im Münchner Erzbistum hat der Psychotherapeut ... mehr...

Merkel kündigt harten Sparkurs an Lesezeichen hinzufügen

Die Koalition hat ihren ersten Haushalt verabschiedet – mit einer ... mehr...

Ex-General verärgert Niederlande mit Schwulen-These Lesezeichen hinzufügen

Der frühere Nato-Kommandeur John Sheehan glaubt, dass der Einsatz ... mehr...
Fotostrecken

Generaldebatte im Bundestag (22 Bilder)

Thailand (9 Bilder)

Dresden im Ausnahmezustand (11 Bilder)

Die glorreichen Sieben (7 Bilder)

100 Tage Schwarz-Gelb (16 Bilder)

Taliban attackieren Kabul (7 Bilder)
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr