Angehende Krankenpfleger sollen künftig nur noch einen Hauptschulabschluss vorweisen müssen. Das Vorhaben der großen Koalition ist aber umstritten. Über welche Qualifikationen sollten Pflegekräfte verfügen?
Der Vorstoß kam selbst für Experten überraschend. Um „frühzeitig vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung“ einen Mangel an Pflegekräften zu vermeiden, wollen die beiden Regierungsfraktionen schnell noch etwas am Krankenpflegegesetz ändern. Wer Krankenschwester oder -pfleger werden will, soll künftig nicht mehr die Mittlere Reife, sondern nur noch einen Hauptschulabschluss vorweisen müssen. An diesem Mittwoch ist der Antrag bereits im Gesundheitsausschuss des Bundestags, als Anhängsel der Novelle zum Arzneimittelrecht soll er noch in dieser Legislatur verabschiedet werden. Und die Verbände, die auf bessere Qualifikation und eine Aufwertung des Pflegeberufs gehofft hatten, fühlen sich vor den Kopf gestoßen und bemängeln die „Niveauabsenkung“.
Welche Kritik gibt es?
In der Entscheidung zwischen Arbeitsmarktpolitik und Qualitätssicherung habe „erstere gewonnen“, ärgert sich die Präsidentin des Deutschen Pflegerates, Marie-Luise Müller. Der Vorstoß sei „eine schallende Ohrfeige für 1,2 Millionen Pflegefachkräfte in Deutschland, denen attestiert wird, dass die Anforderungen an ihre Ausbildung und damit ihren Beruf sinken“ – während sie gleichzeitig Leistungen „unter schwierigsten Rahmenbedingungen“ erbrächten. Im Koalitionsvertrag hätten sich Union und SPD verpflichtet, die Weiterentwicklung der Pflegeberufe zu fördern. Und beim Pflegegipfel vor wenigen Wochen habe man sich darauf verständigt, „verstärkt die Vorzüge einer Pflegeausbildung und der Ausübung eines Berufs in der Pflege herauszustellen“. Im Wissen, dass parallel die Absenkung der Zugangsvoraussetzungen vorbereitet wurde, sei diese Absichtsbekundung nur als Zynismus zu verstehen.
Wegen fehlender IT-Experten oder Ärzten komme auch „niemand auf die Idee, die Studienzugangsvoraussetzungen auf die Mittlere Reife abzusenken“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, Franz Wagner. Im EU-Vergleich habe Deutschland schon jetzt die niedrigsten Zugangsbedingungen zum Pflegeberuf. Alle anderen Länder mit Ausnahme Luxemburgs verlangten Abitur oder einen vergleichbaren Schulabschluss. Auch die Pflegeausbildung erfolge bei den Nachbarn längst an Hochschulen oder ähnlichen Institutionen. Deutschland dagegen sei „auf dem Niveau von 1997 stehen geblieben“.
Wie hat sich das Berufsprofil der Pflegekräfte verändert?
Man müsse nicht jeden Beruf akademisieren, heißt es im Gesundheitsministerium. Tatsache jedoch ist, dass die Anforderungen an Krankenschwestern gewaltig gestiegen sind. In den Kliniken gibt es immer mehr „arztfreie Räume“, eigenverantwortliches Handeln ist stärker gefragt als früher. Hinzu kommt die Arbeitsverdichtung. Seit 1991 hat sich die Dauer des Klinikaufenthalts im Schnitt fast halbiert – sie sank von 14 auf 8,3 Tage. Die Patienten müssen schneller genesen und benötigen somit mehr Zuwendung. Daneben haben medizinischer Fortschritt und demografische Entwicklung die Arbeitsintensität erhöht. Von 1994 bis 2003 stieg die Zahl der über 74-jährigen Patienten um 25 Prozent. Knapp ein Viertel dieser Klientel leidet an fünf oder mehr Erkrankungen gleichzeitig. Zu ihrer Versorgung bedürfe es eines „komplexen Organisations- und Abstimmungsprozesses“, mahnt der Sachverständigenrat zur Beurteilung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Prävention, Kuration, Rehabilitation und Pflege – alles müsse weit stärker als bisher ineinandergreifen.
„Lieb und nett sein und zwischendurch mal das Bett aufschütteln, reicht nicht“, sagt Wagner. Pflegekräfte müssten fähig sein, Infusionen aufzubereiten, medizinische Zusammenhänge zu verstehen, gefährliche Krankheitsverläufe zu erkennen, lebenserhaltende Sofortmaßnahmen einzuleiten, Dokumentationen zu erstellen und auch mit Menschen in existenziellen Situationen umzugehen. „Wir brauchen hoch qualifizierte Partner“, mahnt auch Ärztekammervize Frank-Ulrich Montgomery. Daher sei man „sicher nicht klug beraten, sich den Berufszugang von arbeitsmarktpolitischen Überlegungen diktieren zu lassen“. Und für die Forderung, ärztliche Tätigkeiten aus Kosten- und Kapazitätsgründen stärker auf Pflegekräfte zu übertragen, sei der Vorstoß geradezu „kontraproduktiv“. Am besten wäre es deshalb, beim Ausbildungszugang für Pflegekräfte „alles beim Alten zu lassen“.
Warum fehlt es an Pflegekräften?
Zunächst hängt der Mangel mit der Sparpolitik der Kliniken zusammen. Zwischen 1996 und 2006 wurden 50 000 Pflegestellen abgebaut – teils auch mit der Begründung, nur so die Tariferhöhungen der Ärzte bezahlen zu können. Allerdings ist der Job wegen hoher Belastung und schlechter Entlohnung auch wenig attraktiv. Nach einer Umfrage denkt jede dritte Pflegekraft täglich oder mehrmals pro Woche daran, ihn aufzugeben.
Einen Bewerbermangel gebe es dennoch nicht, heißt es in der Branche – nur zu viele, die den Anforderungen nicht genügten. In den vergangenen Jahren habe selbst die Eignung von Realschulabsolventen erschreckend abgenommen, sagt Andrea Lemke, Pflegedirektorin des Jüdischen Krankenhauses in Berlin. Von 80 Bewerbern bestünden keine 15 die Tests. Der Bewerberpool sei schon jetzt von „qualitativem Defizit“ geprägt, klagt die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Die Ausbildung nun Jugendlichen mit noch niedrigerem Bildungsstand und Alter öffnen zu wollen, konterkariere alle Qualitätsoffensiven.
Das Problem sei ja vor allem , dass man die besonders engagierten Pflegekräfte verliere, sagt Verbandsgeschäftsführer Wagner. Der Personalmangel wäre schnell zu beheben, wenn man die mehr als hunderttausend Abgewanderten mit besseren Arbeitsbedingungen zur Rückkehr bewegen könnte. Wenn man die Pflege nun aber zum „Hauptschulberuf“ mache, sinke die Attraktivität weiter – und man schrecke auch die besser Qualifizierten ab, die man so dringend benötige.
Wie verteidigen die Politiker ihren Vorstoß?
Was vielleicht gut gemeint sei, könne sich „später als schwerwiegender Fehler in der Pflegequalität wiederfinden“, warnt Gertrud Hundenborn vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung. „Wer Initiativen für mehr Patientensicherheit anstößt und fördert, darf nicht andererseits durch Absenken des Bildungsniveaus ein zusätzliches Risiko schaffen“, mahnt auch der Pflegeverband. „Wir ändern ja nicht die Ausbildung, sondern nur die Zugangsberechtigung“, widerspricht Carola Reimann, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Ein niedrigeres Pflegeniveau sei also nicht zu befürchten. Sie wundere sich aber schon über „die vorschnelle Etikettierung vieler Jugendlicher nach dem Motto: Ihr Hauptschulabschluss ist nichts wert“. Mädchen mit Migrantenhintergrund etwa seien „nicht doof“, würden aber von den Eltern oft nicht an andere Schulen gelassen. Was also sei falsch daran, einer kleinen interessierten Gruppe den Zugang zum Pflegeberuf zu ermöglichen?
Das Zugangssystem sei jetzt schon durchlässig , kontert Wagner. Hauptschüler hätten etwa die Möglichkeit, über die Pflegeassistenz in den Beruf zu kommen. Es sei aber widersinnig, „das Tor für alle aufzumachen und sie dann wieder herauszusieben“. Auch die Wohlfahrtsverbände warnen. Es sei „weder bildungsökonomisch noch moralisch zu verantworten, wenn Hauptschüler in großer Zahl die Ausbildung beginnen und dann an komplexen und anspruchsvollen Lerninhalten oder der Praxis scheitern“.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.05.2009)
Kommentare [ 13 ] Kommentar hinzufügen »
Und da das heutige Pflegepersonal finanziell auskömmlich gepolstert ist, mit unerschöpflicher Liebe und Aufmerksamkeit und der erforderlichen Ruhe den hilfsbedürftigen Menschen menschlich zur Seite stehen kann, werden diese schnell wieder gesund und sind dann auch ungeheuer dankbar.
Das macht den Pflegeberuf noch attraktiver, so dass der aktuelle, schnell vorübergehende Engpass schnellstens überwunden sein wird, und das mit einem Minimum an Mehrkosten.
Gratuliere, wäre ich gar nicht drauf gekommen !
verstehen?
allein schon der zweite passus ("und da das heutige pflegepersonal
finanziell auskömmlich gepolstert ist...") ist geht an der realität
völlig vorbei.
lupo, hier in d brauchen wird MEHR qualifiziertes und damit auch
gut bezahltes sowie motiviertes personal. wie wollen sie das mit
hungerlöhnen erreichen? dem voraus geht eine bessere bildung in
schulen und unis, die im europäischen vergleich gerade mal
durchschnittlich ist.
Natürlich ist das als Satire gedacht !
Ich bin 77 Jahre alt. Vom Beruf bin ich Diplom Ingenieur in der Stahlerzeugenden Industrie und Maschinenbau. Für Deutschland war ich 22 Jahre lang im Ausland tätig gewesen.
In Deutschland bräuchte man -- laut Politiker -- gar keine Ausbildung.
Es reicht nur das nichts aussagende Parteibuch in der Arschhosentasche mit sich zu schleppen und das ist auch alles.
In der Politik reicht der Besuch von einem Kindergarten und nur die Volksschule.
(siehe Müntefering und tausende von Politikern, die unser Land „Regieren“.)
Ich würde beweisen, dass diese ungebildeten „Lebewesen“ nicht regieren, sonders unseres Deutschland, früher in fast allen Branchen immer an erster Stelle, heut zu Tage nur ----- R U I N I E R E N -----
Bravo und Grüße an: lupo, iris.s, hanni 2000
Ich bin fast 56 Jahre und war als abgeschlossener Diplomingeneur im Maschinenbau und nach der Wende als Sachverständiger tätig. Seit 14 Jahren bin ich unfallbedingt 100% erwerbsunfähig (fremdverschuldet).
Es ist schon kurios wieviel Journalisten ohne abgeschlossene Ausbildung sich in den Medien meinungsbildend äußern dürfen. Sie brüsten sich sogar noch mit ihren Ausbildungsabbrüchen. Die Ausbildungszeiten mit 15 bis 20 Semester sprechen für sich. Dazu kommt eine äußerst schlechte Qualität der Ausbildung. Z. B. Lehrer haben nach dem Studium bis zu 5 Jahre Warteschleifenpraktikum. Das System der Honorarprofessoren und Privatdozenten sind Eigennutz statt Bildungsauftrag. Künstler haben auch eine hohe Verantwortung, aber mehr als Bohlen, Jauch, Beckmann und Kerner kriegt man nicht zu sehen. Satire hat es sehr schwer schon ab 20.00 Uhr gesehen zu werden. Vielleicht vermitteln die zukünftigen Computerspiele den Pflegeberuf, oder die Politiker haben sich an Tamagoschi erinnert - erst versorgten Mütter das Ding, weil es gleich "stirbt", und dann ihre Kinder. Ich habe in diesem Zusammenhang Erfahrungen gemacht, die mit keinem bekanntem Wort betitelt werden könnte.
Mal im Ernst, Pflege fängt mit der Geburt an und hört bis zum Tod nie auf. Nur wird aus köperlicher Pflege zwischendurch geistige Pflege (Bildung, Kultur, Erfahrungen). Nur da ist in allen Bereichen Niveaulosigkeit der Sieger, bis auf die rühmlichen Ausnahmen. Das Ausbildungsprofil der Mitglieder des Bundestages ist so einseitig und mit 30 bis 50- jährigen politischen Berufskarrieren so eingeschliffen, so dass ein Verlassen der Spur und damit des Kurses nicht zu erwarten ist. Als Phänomen ist zu erkennen, dass die jungen Mitglieder sogar noch älter wirken als die Alten.
Keine Ahnung mehr, wann genau die Hauptschule zur Restschule verkommen ist. Früher war das mal ein respektabler Abschluss, und das könnte es auch wieder werden.
früher
waren die Anforderungen in Berufen klar getrennt.
Mit einem Hauptschulabschluss konnte man alle handwerklichen und dienstleistenden Berufe erlernen, ich glaube mich zu erinnern, einschließlich Krankenschwester.
Die typischen Berufe für "Mittlere Reife" waren Büro, einfacher Verwaltungsdienst, technische und medizinische Assistenz-Berufe, Bank Kinderbetreuung usw.
Die Abiturienten sind in dieser Aufzählung nur insofern relevant als die HEUTE von oben nach unten auf die Lehrberufe drücken.
Beispiel,
als ich '72 in Berlin Abitur machen wollte, war das Studienfach, das ich eigentlich haben wollten mit einem NC belegt, was mich aber nicht störte, ich wollte die Zeit nutzen um eine KFZ-Lehre zu machen. Hatte auch das Glück um drei Ecken über meine Mutter den damaligen Chef der Huttenstr. zu kennen, nutzte aber nichts, die wollten damals auf keinen Fall Abiturienten unter den Lehrlingen haben, "weil die nur Unruhe bringen".
Heutzutage macht BMW "Sichtungen", sie gehen also in die Realschulen rein und holen sich die Auszubildenden von da direkt,
naja, und dann immer ein Paar Abiturienten, die sie für geeignet halten. Damit fällt dann in diesem Laden kein einziger Ausbildungsplatz für Hauptschüler mehr ab
"Man müsse nicht alles akademisieren", welche Ignoranz spricht aus einer solchen Feststellung.
Pflege leistet heute viel mehr als das Schwingen von Bettpfannen und Bettenmachen. Und wenn ich erlebe, dass selbst Schüler mit Realschulabschluss nicht in der Lage sind, auszurechnen, wieviel Heparin aufgezogen werden muss, um aus einer Ampulle mit fünf Millititern, entspricht 25000 IE Heparin, 2000 IE in die Spritze zu bekommen... da fängt das große Raten an. Und da sollen die Eingangsvoraussetzungen gesenkt werden!
Die Argumentation von Carola Reimann zeigt nur, dass sie entweder keine Ahnung hat, oder dass sie die Menschen für dumm verkaufen will. Beides ist keine Voraussetzung für eine politische Karriere. Und man kann vermuten, dass ihr Pflege am A... vorbeigeht. Wäre ich bösartig, würde ich ihr wünschen, im Ernstfall von ungebildeten, inkompetenten Pflegekräften versorgt zu werden. Das wird nicht passieren, da Frau Reimann im Krankheitsfall auf einer Privatstation mit Wohlfühlkuschelfaktor versorgt werden wird. Ob die Pflege dort kompetenter sein wird?
Wenn nicht, wird sie es zumindest nicht sofort merken.
Das soll kein vehementes Statement gegen Hauptschüler sein, da gibt es sicher viele engagierte junge Leute. Aber die meisten erfüllen eben nicht die Eingangsvoraussetzungen.
In diesem Zusammenhang zu behaupten, man ändere ja nicht die Ausbildung, sondern nur die Zugangsberechtigung, ist dreist. Man darf die normative Kraft des Faktischen nicht unterschätzen.
Anscheinend ist eben auch ein Abitur und Psychologiestudium kein Garant für hohe Qualifikation zu einem (politischen) Amt!
Mir ist mit einer >20jährigen Berufserfahrung in der Pflege schon klar, dass es neue Wege braucht, um dem bereits bestehenden Pflegekräftemangel entgegen zu wirken. Und mir ist auch klar, dass der Realschulabschluss oder das Abitur keine "100% Garant" für die Ausbildung einer qualifzierte Pflegekraft bedeuten. Warum sollte das anders sein als in der Politik...
Dennoch erlebe ich Tag für Tag, was es bedeutet, wenn Auszubildende in den Pflegeberuf einsteigen, die noch nicht mal in der Schule in grundlegenden Fächern, geschweige denn sozialen Kompetenzen ausgebildet worden sind. Pflegen ist seit langem mehr als "Popo abwischen und Händchen halten".
Da will man ein Problemfeld der Politik/Gesellschaft, das mangelnde Bildungsniveau mit einem weiteren Problemfeld der Politik/Gesellschaft , dem bereits bestehende Pflegekräftemangel verknüpfen und erwartet dadurch eine Wendung zum Positiven,-für beide?!
Vielleicht bin ich zu lange in der Pflege tätig, aber diese Rechnung kann nicht aufgehen.
Es wird sicher Hauptschüler geben, die das Zeug zu einer qualifizierten Pflegekraft haben,- so wie bei allen anderen Abschlüssen auch. Doch eigentlich steckt hinter dieser Maßnahme nur, zwei unbeliebte Bereiche für die Politik miteinander abzuspeisen, statt sich ernsthaft den Einzelproblemen zu beschäftigen. Eine notwendige Anhebung der Qualifikationen in der Pflege und im schulischen Bildungsbereich ist doch politisch gar nicht erwünscht.
Würde das doch 2 grosse Gesellschaftsgruppen stärken, die dann einen kritischen Blick auf Politik werfen könnten.