Die Pläne der Bundesregierung, Langzeitarbeitslose zur Betreuung von Demenzkranken einzusetzen, sind heftig umstritten. Während Pflegeverbände die Überlegungen kritisierten, warnte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt vor "Arroganz und Misstrauen gegenüber den Arbeitslosen".
Berlin -
Die Arbeitsagenturen suchen derzeit unter den Langzeitarbeitslosen nach bis zu 10.000 Bewerbern, die von September an nach einer kurzen Ausbildung altersverwirrte Menschen in Pflegeheimen betreuen sollen. Die Pflegeassistenten sollen den Demenzkranken vorlesen, mit ihnen spazieren gehen oder sie füttern, erläuterte Klaus Vater, Sprecher des Gesundheitsministeriums. Sie sollten keine Pflegeleistungen übernehmen, sondern den Alltag im Heim menschlicher gestalten.
Vater verwies darauf, dass es derzeit rund 15.000 arbeitslose Pfleger gebe, darunter viele Frauen, die bereits Vorerfahrungen mitbrächten. "Die Pflegeassistenz ist eine Gelegenheit für diese Menschen, wieder in den Beruf reinzukommen", sagte er. Die BA bildet derzeit überall in Deutschland Bewerberpools. Teilnehmen könne jeder, der sich für die Arbeit in einem Heim interessiere und für eine Weiterbildung infrage komme. Die Assistenten sollten aber keine voll ausgebildeten Pflegekräfte ersetzen, sagte ein Sprecher der Bundesagentur.
Pflegevericherungen genehmigen 10.000 neue Betreuer
Mit der Pflegereform, die am 1. Juli in Kraft getreten ist, wurde den Pflegeheimen die Möglichkeit gegeben, bundesweit rund 10.000 neue Betreuer einzustellen. Für jeweils 25 Demenzkranke darf jedes Heim eine zusätzliche Kraft beschäftigen, die aus den Geldern der Pflegeversicherung bezahlt wird. In Deutschland leben derzeit etwa 1,1 Millionen demenzkranke Menschen.
Für ihre Tätigkeit im Heim sollen die neuen Betreuer ausgebildet werden. Die Anforderungen werden derzeit vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erarbeitet. Der Entwurf für die Richtlinie, die das Gesundheitsministerium billigen muss, sieht eine Schulung vor, die insgesamt 160 Stunden umfasst. Dazu gehört eine Basisschulung von 100 Stunden, in der die künftigen Pflegeassistenten mit der Situation von Demenzkranken vertraut gemacht werden sollen. In weiteren 60 Stunden soll ein Einblick in die Praxis gewährt werden. Bis Ende August soll die Richtlinie umgesetzt sein.
Fachleute bemängeln geplante Schulungen als zu kurz
Vertreter der Pflegeberufe stören sich an der geplanten Ausbildung, die sie als zu kurz empfinden. Die Berliner Diakonie-Chefin Susanne Kahl-Passoth warnte vor einer "sehr billigen Lösung", eine kurze Ausbildung reiche auf gar keinen Fall. Sie wies insbesondere auf die psychische Beanspruchung der Pflegenden hin. Die Arbeitslosen müssten sehr genau wissen, worauf sie sich einlassen, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst. Der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Wilhelm Schmidt, sagte, er sei selten so empört gewesen. "Der Wert der Pflege wird so gering eingeschätzt, dass nun Hilfskräfte eingesetzt werden sollen, die nach einem Kurzlehrgang auf die Menschen losgelassen werden sollen. Wer sich das ausdenkt, hat von Pflege und Menschlichkeit keine Ahnung", sagte Schmidt dem Tagesspiegel.
Auch in der Politik sind die Überlegungen nicht unumstritten. Zwar sagte die Gesundheitsministerin, die bezahlte Betreuung von altersverwirrten Menschen sei ein richtiger Schritt voran. „Die Heime und die Angehörigen warten darauf, dass so etwas eingerichtet wird.“ Auch Unions-Fraktionschef Volker Kauder signalisierte Zustimmung: „Wenn die Menschen für diese Aufgabe qualifiziert sind, ist das in Ordnung“, sagte er der „Bild am Sonntag“.
"Pflegeassistenten sollten gut ausgebildet und anständig bezahlt werden"
Doch der pflegepolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Willi Zylajew, kritisierte das Vorhaben als "unseriöses PR-Spektakel" der BA. Er finde es "schlimm", wenn nun der Eindruck erweckt werde, dass Langzeitarbeitslose in die Pflegeheime "abkommandiert" werden sollten. Die BA stecke Menschen vorschnell in Lehrgänge, um ihre Arbeitslosenstatistik zu bereinigen, kritisierte der CDU-Politiker. Er äußerte Zweifel daran, dass sich unter den arbeitslosen Pflegern ausreichend geeignete und motivierte Kräfte finden lassen. Er habe in seinem Wahlkreis in Nordrhein-Westfalen die Erfahrung gemacht, dass diese nur zu bestimmten Uhrzeiten arbeiten könnten oder wollten. In der Pflege müsse man aber auch morgens um sechs Uhr oder am Wochenende arbeiten.
Zylajew sagte, um mit dementen Menschen umgehen zu können, müsse jemand die notwendigen fachlichen und persönlichen Fähigkeiten mitbringen. "Das ist ein Job, in dem man schnell an seine Grenzen stößt", sagte Zylajew. Schließlich könnten demenzkranke Menschen auch mal böse oder aggressiv reagieren. "Man braucht eine feste Persönlichkeit, um damit umgehen zu können." Zylajew regte an, bundesweit eine einjährige Ausbildung zum Pflegeassistenten einzuführen. Der CDU-Pflegeexperte kündigte an, eine Arbeitsgruppe der Unions-Bundestagsfraktion wolle dazu konkrete Vorschläge machen. "Pflegeassistenten sollten gut ausgebildet und anständig bezahlt werden."
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.08.2008)
Kommentare [ 12 ] Kommentar hinzufügen »
Diesen Satz sollten sich zu allererst die Politiker und Vertreter von Hartz 4 sehr genau überlegen.
Fakt ist, daß augebildete Pflegekräfte zunehmend aus der Pflege verdrängt werden.
Ein Crash-Kurs, natürlich über ESF-Mittel finanziert, kann niemals das erforderliche Fachwissen vermitteln.
Außerdem werden in solche Kurse grundsätzlich alle Hartz 4 Empfänger geschickt, die das Jobcenter los werden will.
Die Bildungsträger verdienen sich doch schon längst zum Nachteil der Arbeitslosen eine goldene Nase und dies unter massiven Missbrauch von ESF-Mittel.
Ich erlebe zur Zeit hautnah, wie es in "normalen" Heimen zu geht, meine Mutter ist Alzheimer-Patientin.
Warum werden nicht die arbeitslosen Pfleger eingestellt, als Pfeger nicht als Assistenten? Wahrscheinlich werden diese Pfleger in der Fortbildung eh zu Pflegeassistenen degradiert, so ist das schlechtere Entgelt auch gleich gerechtfertigt.
Das Motto heißt: Sozial ist, was Arbeit schafft. Das ist offenkundig ein Satz, der gegen Artikel 1 des GG verstößt, weil er berechtigt, die Würde des Menschen anzutasten.
Angesichts der überschuldeten öffentlichen Haushalte schlage ich vor, alle Minister, Abgeordneten und Führungskräfte zu Assistenten fortzubilden und sie mit 7,50 Euro zu entgelten. Denn alles, was Arbeit schafft ist sozial. So hat man zwischen 1933 und 1945 auch schon gedacht.
Wundert es noch jemand, dass Die Linken zulauf haben? Sieh so Leistungsgerechtigkeit aus?
Summa summarum: Es täte uns ganz gut, Ideen auch eine Chance zu lassen, anstatt reflexartig alles schlechtzureden, was von der Politik kommt.
Mir fällt nichts derartiges ein. Ihnen etwa?
zu dieser Aufgabe gezwungen wird, oder ein Mensch, der die Fähigkeit nicht dazu hat ...oder ...oder... ICH könnte es auch nicht.
Es ist eine Berufung nicht nur ein Beruf.
Es gibt genügend Pflegekräfte, die Arbeit suchen und nicht eingestellt werden.
Dies ist doch wieder nur ein erneuter Angriff gegen die Arbeitslosen und Hartz IV Bezieher im Lande.
Nichts als Ausbeuterei gegen den kleinen Mann- egal aus welcher Schicht.
Arbeit ist genügend da- LEIDER nur UNBEZAHLTE
Armes Deutschland wieder...
sagt Friederike aus Meerbusch