Der Tumult bei dem tödlichen Angriff auf die Ägypterin Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht war einer Aussage zufolge für die herbeieilenden Beamten schwer einzuschätzen. Ein Polizist hatte auf den Ehemann des Opfers geschossen statt auf den Täter - der später um Erschießung bat.
Dresden -
Umgeworfene Stühle und verschobene Tische, Tumult und Gerangel um ein Messer: Bei dem tödlichen Angriff auf die Ägypterin Marwa El-Sherbini im Landgericht Dresden war die Lage für die zu Hilfe eilenden Polizisten nach eigenen Angaben schwer einzuschätzen. Sie hätten in einem verwüsteten Saal mit viel Blut auf dem Boden zwei Männer gesehen, die miteinander um ein Messer kämpften, sagten zwei junge Bundespolizisten am Dienstag in dem Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der Ägypterin aus. "Sie waren in Bewegung, ich konnte nicht erkennen, wer das Messer hatte", schilderte ein 33 Jahre alter Beamter.
Seiner Erinnerung nach hätten beide Männer die Hände an dem Messer gehabt. Auf Schreie und Befehle, aufzuhören, habe es keine Reaktion gegeben. "Dann fiel ein Schuss." Die Kugel traf den Ehemann des Opfers in den Oberschenkel - er hatte seine Frau vor den Messerstichen des Angeklagten beschützen wollen. Gegen den Polizisten, der geschossen hatte, wird ermittelt. Er werde deshalb nicht im Prozess aussagen, habe aber eine dienstliche Erklärung abgegeben, sagte ein Gerichtssprecher.
Die Bundespolizisten in Zivil waren am 1. Juli in einem anderen Prozess als Zeugen geladen. Einer von ihnen hatte entsprechend den Vorschriften seine Dienstwaffe dabei. Lärm und Hilfeschreie auf dem Flur habe die drei Wartenden aufgeschreckt, sagte ein 28 Jahre alter Beamter. Er sei dann in den benachbarten Saal gelaufen, habe dort "jede Menge Blut" an Wänden, Menschen sowie auf dem Boden gesehen und sofort seinen Kollegen mit der Dienstwaffe alarmiert, der gerade ausgesagt habe.
Messerstecher bat um Erschießung
Die Beamten hätten keine Informationen darüber gehabt, was überhaupt vorgefallen sei. "Eigentlich haben wir erst nach dem Schuss mitbekommen, wer der Täter war", sagte ein weiterer Polizist aus. Während er den Angeschossenen am Boden sicherte, habe ein "erstarrter Mann in Robe" zu ihm gesagt: "Das ist ein Opfer, der ist der Täter." Dieser habe sich bei der Festnahme dann gewehrt. "Als er am Boden lag, hat er mir gesagt, dass ich ihn erschießen sollte, da er nicht ins Gefängnis wollte."
Laut Anklage hat der Russlanddeutsche Alex W. die Zeugin Marwa El- Sherbini in einer Berufungsverhandlung wegen Beleidigung aus Fremdenhass brutal erstochen. Die 31 Jahre alte schwangere Frau starb vor den Augen ihres kleinen Sohnes im Gerichtssaal, ihr Mann erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Alex W. muss sich seit dem 26. Oktober wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung vor der Schwurgerichtskammer verantworten. Der 28-Jährige schweigt bisher. Seine in Dresden lebende Mutter lehnte eine Aussage vor Gericht unter Verweis auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht erneut ab.
(dpa)
Kommentare [ 4 ] Kommentar hinzufügen »
Ich erhebe keinerlei Vorwürfe, gegen niemanden. Ich frage mich nur, warum überhaupt geschossen wurde; nach dieser Schilderung kann der Polizist ja eigentlich nur auf Verdacht irgendwie in die miteinander ringende Masse aus menschlichen Leibern geschossen haben. Macht man das so?
Aber der erste Bundespolizist, der (unbewaffnet) dazukam, rannte zurück um seinen (bewaffneten) Kollegen zu alarmieren. Hätte er nicht jemandes anderes schicken und selbst schon mal im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen können, einzugreifen?
Was sagen unsere Forumspolizisten dazu?
Aber es ist richtig, @columbo, für uns ist die Situation wohl kaum angemessen zu beurteilen. Und ich bin sicher, dass alle Zeugen reichlich an dem Erlebten zu knabbern haben.
mog