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Protestaktion

"Waschen und Rasieren"

Aus Protest gegen den umstrittenen Hygiene-Rat von SPD-Chef Kurt Beck an einen Arbeitslosen haben sich in Mainz rund ein Dutzend Erwerbslose öffentlich die Haare schneiden und rasieren lassen.
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Mainz - Um den alten Friseurstuhl auf dem Platz vor der Mainzer Staatskanzlei drängen sich Dutzende Medienleute. In der Mitte sitzt Johannes Lihs und lässt sich die Haare stutzen. Seit zwei Jahren ist der Mann arbeitslos, zuvor war er in der Immobilienverwaltung tätig. An diesem 2. Januar ist er eigens von Oberhausen nach Mainz angereist, um zu zeigen, dass es bei Arbeitlosen "um Menschen geht, nicht um Parasiten". Was er sich von der Aktion erhofft, wird er gefragt. "Wenn ich ehrlich bin: gar nix", sagt Lihs und streicht sich die immer noch recht langen Haare aus der Stirn.

400 Demonstranten wollte das Erwerbslosenforum eigentlich am Dienstag vor der Mainzer Staatskanzlei zum "Wasch- und Rasier-Happening" auffahren - als Protest gegen "Hartz IV", gegen die schlechte Arbeitsmarktsituation, gegen SPD-Chef Kurt Beck und gegen die große Koalition generell. Gekommen sind nach offiziellen Polizeiangaben nur rund 50 Personen. Verloren stehen sie zwischen den Medienleuten, halten verlegen Schilder hoch, auf denen der 345-Euro-Satz für "Hartz IV"-Empfänger kritisiert wird oder die Schlangen auf den Arbeitsämtern. In Reden fordern Vertreter die Anhebung des "Hartz IV"-Satzes auf 500 Euro, Mindestlöhne von zehn Euro und die 30-Stundenwoche.

Arbeitslose wollen kein Mitleid

"Ich bin die Parteilose Wählergruppe Gelsenkirchen", stellt sich Karl-Heinz Strohmeier vor. Er sei alleine angereist, um seine Wut los zu werden: "Die Arbeitlosen wollen weder Almosen noch Mitleid, sondern schlicht Arbeit", sagt er. Solange es die nicht gebe, "wird es auch Widerstand geben". Heshmat Tavakoli verteilt Flugblätter der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG). Auch der Mainzer ist seit 2002 arbeitslos, zuvor sei er Konstrukteur und EDV-Fachmann gewesen. "Die Arbeitgeber suchen nicht Anzug und Krawatte, die suchen eine Qualifikation", sagt Tavakoli in schwer verständlichem Deutsch.

"Das Problem liegt nicht bei den Arbeitslosen und nicht bei den Frisuren - das Problem ist, dass keine Arbeit da ist", sagt auch Hans-Kurt Hill von der Linksfraktion im Bundestag. "Jeder Erwerbslose sollte seinen persönlichen Friseur bekommen", spottet Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosenforums und Organisator des Events in Mainz. Auch Behrsing ist seit zwei Jahren arbeitslos, der 46-Jährige ist gelernter Sozialarbeiter und studierter Psychologe. "Wir sind gut qualifiziert", betont er.

Um das zu beweisen, übergeben die Demonstranten 21 Bewerbungsmappen in der Mainzer Staatskanzlei, dazu den alten Friseurstuhl, ein Haargel und ein Säckchen voller Haare. Der Bart des Ministerpräsidenten müsse allerdings ab, fordert Behrsing zugleich, wenn der denn Kanzler werden wolle. Da Beck selbst noch im Urlaub im Westerwald weilt, nimmt Staatskanzleichef Martin Stadelmaier die "Präsente" entgegen. Der zeigt zwar Verständnis für die Demonstration, den Haarsack nennt er allerdings "geschmacklos".

Henrico Frank: "Ich bereue nichts."

Und noch einer fehlt am Dienstag vor der Staatskanzlei: Henrico Frank gibt rund 300 Meter entfernt auf der Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden eine eigene Pressekonferenz. "Ich komme mit den ganzen Machenschaffen des Erwerbslosenforums nicht klar", sagt er in die Fernsehkameras. Das Forum hat ihn ausgeladen, weil er der Sache der Arbeitslosen schade - schließlich hatte Frank sieben Jobangebote abgelehnt. Nun will er immerhin einen Termin mit der Karriere-Beratung einer Regensburger Coaching-Firma wahrnehmen. Frank, der sich äußerlich inzwischen wieder seiner Ausgangs-Optik mit ins Gesicht fallenden Haaren und Bart annähert, guckt in die Kameras und sagt: "Ich bereue nichts."

(Von Gisela Kirschstein, ddp)
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