Glückstadt : Die Leiden der Kinder von Glückstadt

In Schleswig-Holstein hat die Aufarbeitung der Schicksale von Heimzöglingen bereits begonnen.

Dieter Hanisch[Glückstadt]
245125_0_492df687.jpeg
Trauernicht

Schläge, Missbrauch, Sadismus – was bis in die 70er Jahre Alltag vieler Heimkinder war, soll jetzt bundesweit aufgearbeitet werden – so hat es der Bundestag Anfang des Monats beschlossen. In Schleswig-Holstein ist man schon ein Stück weiter. Den auf Bundesebene noch einzuberufenden runden Tisch unter der Regie des Jugend- und Familienministeriums gibt es dort schon. Schon zweimal hatte das Kieler Sozialministerium ehemalige Heimkinder und Experten zu einem Meinungs- und Informationsaustausch eingeladen. Man reagierte damit auf die Initiative früherer Heim insassen aus dem Landesfürsorgeheim Glückstadt, die sich mit Schilderungen über die ihnen widerfahrenen ungeheuerlichen Erziehungsmethoden an die Öffentlichkeit gewandt hatten.

Rolf Breitfeld lebt heute in Berlin und ist jetzt noch fassungslos angesichts der Pein, die ihm und vielen anderen Heimbewohnern in seiner Jugend in Glückstadt angetan wurde. Der 60-Jährige ballt allein bei den Gedanken an seine dortige Aufenthaltszeit 1965/66 die Faust in der Tasche. Ihm ist es inzwischen gelungen, ein kleines Netz von ehemaligen „Zöglingen“, wie sie im Heimjargon hießen, zu knüpfen. Breitfeld und seine Leidensgenossen drängen darauf, dass Misshandlungen, Todesfälle, unbezahlte Arbeitsdienste und sogar Kontinuitäten aus der Zeit des Nationalsozialismus möglichst lückenlos aufgeklärt werden. Dabei haben sie Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) an ihrer Seite, die sich dafür starkgemacht hat, dass im just in Kiel verabschiedeten Doppelhaushalt 2009/2010 insgesamt 150 000 Euro für dieses Themenfeld bereitgestellt wurden. Damit nimmt Schleswig-Holstein eine bundesweite Vorreiterrolle ein. Trauernicht hat den Erziehungswissenschaftler Christian Schrapper aus Koblenz beauftragt, eine Dokumentation über die zum 31. Dezember 1974 aufgelöste Glückstädter Einrichtung anzufertigen, in die seinerzeit Jugendliche aus allen Bundesländern eingewiesen wurden.

Im Schleswiger Landesarchiv sind dazu 3200 Fallakten aussortiert worden. Auch das Holocaust-Museum in Washington hat sich zu Wort gemeldet. Dort existieren Papiere, die zeigen, dass frühere SA-Angehörige, die in der im Dritten Reich als Schutzhaft- und Arbeitslager dienenden Anstalt als Hilfspolizisten tätig waren, nach Kriegsende dort Anstellungsverträge als Erzieher und Aufseher bekamen. Auf ein mögliches Fortleben von NS-Strukturen im Fürsorgeheim ist man nämlich aufmerksam geworden, weil eine Karteikarte aufgetaucht ist, auf der die Begriffe Arbeitserziehungslager, Häftling und Lagerkommandant lediglich durch Landesfürsorgeheim, Zögling und Heimleiter ersetzt wurden.

Breitfeld erwartet von den politisch Verantwortlichen eine Entschuldigung für das Unrecht, das ihm und anderen angetan wurde. In einer von Bündnis 90/Grünen initiierten ersten Landtagsaussprache konnten sich noch nicht alle Parteien in Kiel dazu durchringen, weil sie nicht mit dem Wortlaut einverstanden waren. Nun soll es im Januar einen zweiten Anlauf geben. Breitfeld und seine Mitstreiter machen aber auch Sozial- und Rentenversicherungsansprüche für zwangsweise während der Heimzeit geleistete Arbeit geltend, von der Fremdfirmen profitierten, und fordern teilweise Haftentschädigung, weil sie wie in einer Strafanstalt eingesperrt wurden.

Darüber allerdings muss der Bund entscheiden, meint Ministerin Trauernicht. „Das können wir Länder nicht.“ Schleswig-Holstein werde sich aber am runden Tisch beteiligen. „Ich werde mich auch bei meinen Länderkolleginnen und -kollegen dafür starkmachen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar