[Kommentare: 1]

Neonazi-Schießübungen

Ministerium korrigiert Polizei

Nach Hinweisen auf Schüsse von Neonazis ist nun von "Übermittlungsfehlern" die Rede, die Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren wegen Strafvereitelung im Amt eingeleitet.
Anzeige
Bild vergrößern
Magdeburg/Berlin -  Im Fall mutmaßlicher Schießübungen von Neonazis in einem Wald bei Wittenberg, auf die ein Spaziergänger im April die Polizei hingewiesen hatte, hat sich nun Sachsen-Anhalts Innenministerium eingeschaltet. In einem Schreiben des Ministeriums an die Landtagsfraktionen – einen Tag vor Einsetzung des Untersuchungsausschusses zur mehrere Fälle umfassenden Polizeiaffäre in Sachsen-Anhalt – ist von umfangreichen Maßnahmen der Polizeidirektion Dessau nach dem Hinweis des Spaziergängers die Rede. Das Areal mit Bunkern sei abgesucht und in polizeilichen Informationssystemen sowie beim örtlichen Revier nachgeforscht worden. Es heißt, der Spaziergänger habe nur von jahrelang zurückliegenden Neonazi-Umtrieben berichtet. In einem Vermerk der Polizeidirektion Dessau vom 13.April stellt sich der Fall jedoch anders dar.

Unter Punkt „II. Feststellungen“ steht in der Gegenwartsform, der Spaziergänger habe geäußert, „dass Personen, augenscheinlich der rechten Szene, in diesem Gebiet des öfteren Schießübungen durchführen sollen“. In dem Vermerk werden keine Aktivitäten der Polizei zur Überprüfung der Angaben des Mannes genannt, sein Name fehlt. Ein Sprecher der Direktion Dessau hatte am Dienstag sogar dem Tagesspiegel gesagt, es sei nicht bekannt, „dass ein Spaziergänger Schießübungen gemeldet hat“.

"Kein Indiz dafür, dass Ermittlungen nicht stattgefunden haben."

Diese Darstellung hat  ein anderer Sprecher nun korrigiert. Es habe am Dienstag einen internen „Übermittlungsfehler“ gegeben, sagte Kriminalhauptkommissar Ralf Moritz. Fragen zu den vom Innenministerium genannten Aktivitäten der Polizei beantwortete Moritz vage. Es gebe „ständig Prüfungshandlungen“; für weitere Auskünfte sei die Staatsanwaltschaft Dessau zuständig. Dort wurde mitgeteilt, man habe ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannte Beamte der Direktion Dessau wegen des Verdachts auf Strafvereitelung im Amt eingeleitet. Anlass war eine Anzeige der Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Dessau und weiterer Initiativen nach dem Tagesspiegel-Bericht über den Hinweis auf Schießübungen von Neonazis.

Ein Ministeriumssprecher sagte, der Name des Spaziergängers sei im April bekannt gewesen. Außerdem seien offene Fragen zum Vermerk der Direktion Dessau „kein Indiz dafür, dass Ermittlungen nicht stattgefunden haben“. Unterdessen entdeckte ein Kamerateam des MDR am Donnerstag in dem Wald leere Munitionsdosen der Sportwaffenfirma Umarex und zerschossene Flaschen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.09.2007)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Manipulierter Fußball:

Da kommt noch mehr, wetten?
Manipulation beim Fußball ist wie Doping. Beides verdirbt die Idee des Spiels. Ob sich alle an die Regeln halten und am Ende die beste Leistung zum Sieg führt, kann der Zuschauer nicht mehr wissen. Wie viele Spieler wohl an diesem Wochenende verdächtigt werden, denen der Ball unglücklich über den Fuß rutscht?

Untersuchungsausschuss:

Spreedreieck-Affäre: Strieder rechnet mit Nachfolgern ab
Ex-Bausenator Strieder will beim Spreedreieck frühzeitig gewarnt haben. Nachbarn des Areals klagen erneut.

Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von titanic titanic ist gerade offline | 16.9.2007 11:11 Uhr
Unglaubliche Zustände!
Nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch andeswo im deutschen Osten, und leider auch in einigen Regionen im Westen.

Entweder besteht die Polizei in vielen östlichen Regionen aus Volltrotteln, oder sie ist rechtsextrem unterwandert.

Oder sind die gewaltbereiten Nazis im Osten dank ihrer Dreistigkeit und Brutalität bereits so dominant, dass auch die örtlichen Polizeibeamten schlichtweg Angst davor haben, gegen diesen Abschaum zu ermitteln?

Eine ungute Melange aus all diesen von mir gemutmaßten Faktoren dürfte es wohl sein.

Unser wertvoller demokratischer Rechtsstaat kommt mehr und mehr unter die antidemokratisch-extremistischen Räder.

Weimar lässt grüßen.

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 5 + 1 = 


Anzeige
Weitere Themen

Bafögsätze sollen steigen Lesezeichen hinzufügen

Die Bundesregierung will zum 1. Oktober 2010 das BAföG erhöhen. mehr...

Entsorgungsfragen Lesezeichen hinzufügen

Von Reimar Paul, Göttingen
Umweltschützer befürchten, das Bundesamt für Strahlenschutz könnte seinen ... mehr...

Von Nord-Wasiristan bis Berlin Lesezeichen hinzufügen

Von Frank Jansen, Erfurt
Geheimdienste fürchten Anschläge im Zusammenhang mit der ... mehr...

Mehr Bafög – und 300 Euro für die Besten Lesezeichen hinzufügen

Die Bundesregierung will das Bafög erhöhen und besonders leistungsstarke ... mehr...

Mohammed al Baradei: Der Aufseher Lesezeichen hinzufügen

Von Andrea Nüsse
IAEA-Chef Mohammend al Baradei steht vor dem Ende seiner Amtszeit - klare Worte ... mehr...
Fotostrecken

Franz Müntefering (20 Bilder)

Die Feierlichkeiten zum 9. November (19 Bilder)

Das neue Bundeskabinett (16 Bilder)

Die letzten Wochen der DDR (23 Bilder)

Schwarz-gelbe Koalitionsverhandlungen (10 Bilder)

Oskar Lafontaines politisches Leben (18 Bilder)
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr