[Kommentare: 3]

Untersuchung

Noch mehr Behördenpannen nach Neonazi-Überfall inThüringen

Drei an der Attacke auf Gewerkschafter beteiligte Schweden reisten offenbar problemlos aus. Die SPD sieht das als ein skandalöses Versagen der Polizei. Die Umstände müssen nun geklärt werden.
Anzeige
Bild vergrößern
Berlin -  Nach dem Überfall von Neonazis auf Gewerkschafter in Thüringen häufen sich die Merkwürdigkeiten. Die drei schwedischen Rechtsxtremisten, die am Sonnabend an dem Angriff auf der Autobahnraststätte Teufelstal beteiligt gewesen sein sollen und später mit 38 weiteren Neonazis von der Thüringer Polizei kontrolliert wurden, konnten offenbar trotz bundesweiter Fahndung unbehelligt Deutschland verlassen. Es sei "gut möglich", dass die Schweden ausgereist sind, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera, Ralf Mohrmann, am Mittwoch dem Tagesspiegel. Zuvor hatte im Internet der Infodienst "MVregion" gemeldet, die Skandinavier seien am Montag vom Flughafen Hahn (Rheinland-Pfalz) mit einer Maschine der Ryan Air nach Göteborg geflogen.

Schon dieses Detail ist für die Thüringer Behörden unangenehm - denn einer der Schweden könnte bei der Gewalttat eine besondere Rolle gespielt haben. Die Staatsanwaltschaft Gera hat am Dienstag gegen den Mann einen Haftbefehl erwirkt, der Vorwurf lautet Landfriedensbruch in besonders schwerem Fall. Bei dem Angriff der Neonazis hatte, wie berichtet, ein Gewerkschafter durch massive Tritte einen Schädelbruch erlitten. Vier weitere Personen wurden weniger schwer verletzt. Die Thüringer Polizei ließ den Bus mit den Neonazis nach einer Personenkontrolle weiterfahren - weil der Polizeiführer, wie es im Innenministerium heißt, von der Schwere der Verletzung des Gewerkschafters nichts wusste.

Die Fragen nach dem Informationsstand der Polizei seien berechtigt


Nach Recherchen des Tagesspiegels hätte die Polizei besser informiert sein können. Der Notruf der überfallenen Gewerkschafter ging um 19:28 Uhr bei der Polizei ein. Drei Minuten später kam ein Streifenwagen zur Raststätte. Die Beamten riefen Verstärkung und einen Krankenwagen und fuhren dann weiter, um die Neonazis auf der Autobahn zu verfolgen. Deren Bus wurde zunächst in eine Parkbucht dirigiert und anschließend zur Ausfahrt Jena-Lobeda. Dort wartete eine Polizeieinheit, die von 19:45 bis 21 Uhr die Personalien der Neonazis aufnahm und die Männer videografierte. Bis 21 Uhr hätte die Polizei in Erfahrung bringen können, ob bei dem zusammengetretenen Gewerkschafter zumindest der Verdacht auf eine schwere Verletzung vorlag. Der Krankenwagen hatte das Opfer ins Klinikum Jena gebracht. Außerdem bleibt offen, ob die Polizisten bei der Kontrolle auf mögliche Blutspuren an Schuhen und Hosen der Neonazis achteten.

Die Frage sei berechtigt, ob der Polizeiführer in Jena-Lobeda von der Schädelfraktur hätte wissen können, gab der Sprecher des Thüringer Innenministeriums, Bernd Edelmann, am Mittwoch zu. Die "konkreten Abläufe" würden allerdings noch untersucht. Spätestens kommende Woche muss jedoch Minister Manfred Scherer (CDU) die Erkenntnisse beisammenhaben. Vermutlich am Mittwoch wird sich der Innenausschuss des Landtags auf Antrag der Linksfraktion - die SPD wird sich anschließen - in einer Sondersitzung mit dem Fall beschäftigen. Die Polizeiführung habe "verantwortungslos" gehandelt, sagte der innenpolitische Sprecher der Linksfraktion, Roland Hahnemann, dem Tagesspiegel. Der SPD-Innenexperte Heiko Gentzel sprach von "skandalösem Versagen". Gentzel verwies auf das Thüringer Polizeiaufgabengesetz, wonach es möglich gewesen wäre, die Neonazis bis zu 24 Stunden festzuhalten. Die Polizei hätte zudem auch nach Ende der Kontrolle in Jena eine Verfolgung des Busses einleiten können.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 19.02.2009)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Manipulierter Fußball:

Da kommt noch mehr, wetten?
Manipulation beim Fußball ist wie Doping. Beides verdirbt die Idee des Spiels. Ob sich alle an die Regeln halten und am Ende die beste Leistung zum Sieg führt, kann der Zuschauer nicht mehr wissen. Wie viele Spieler wohl an diesem Wochenende verdächtigt werden, denen der Ball unglücklich über den Fuß rutscht?

Untersuchungsausschuss:

Spreedreieck-Affäre: Strieder rechnet mit Nachfolgern ab
Ex-Bausenator Strieder will beim Spreedreieck frühzeitig gewarnt haben. Nachbarn des Areals klagen erneut.

Kommentare [ 3 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von unbekannt | 19.2.2009 10:08 Uhr
Nur eine ganz bescheiden Frage..
würde sich der thüringische Landtag auf Antrag der Linken und der SPD, würden sich alle Politiker quer durch die Parteien, würden sich die Medien derart ausführlich mit diesem Thema beschäftigen....wenn antifa andere in der Art angeggriffen hätten?

Bevor wieder jemand schreit...ich verabscheue Gewalt egal von welcher Seite, aber hier wird -wie so oft- mit zweierlei Maß gemessen und der Polizeiführer vor Ort wird sicherlich als Bauernopfer herhalten müssen.

Comment
von unbekannt | 19.2.2009 10:28 Uhr
Wie ich diese Verlogenheit hasse...
fordern die gleichen Dauerbetroffenen parlamentarische Aufklärung, wenn andere Täter mehrfach mit Messern auf ihre Opfer einstechen, spielt es dort eine Rolle, ob sie Blut an ihren Schuhen haben, gar an ihren Händen....und die reihenweise entlassen werden und die Taten nicht mal angeklagt werden, weil eben nur eine gefährliche Körperverletzung vorliegt und wenn verurteilt, dann die x-te Bewährungsstrafe verhängt wird?

Kümmert das irgendeinen Politiker...die Vorgänge finden nur zum Bruchteil überhaupt Einzug in die Medien.

Widerliche Verlogenheit...
Comment
von dittmarlarspeter55 dittmarlarspeter55 ist gerade offline | 7.4.2009 19:07 Uhr
Es ist ja nicnt das 1. Mal
Die handlungweise der Polizei in solchen Fällen, wie der Angriff
auf die Gewerkschaffter in Thüringen.Es ist eine Methode seit
Bismarks Sozialisten Gesetz.Das Dumm stellen der Polizei oder die Sicherung von Beweismitteln und Spuren in diesen Fällen war und ist schon immer sehr suspekt.Wir wissen es aus der Geschichte,auf dem Rechten Auge blind. Körperverletzung gehört zu den Antrags Delikten,aber wer würde bei solcheinen körperlichen Schaden auf eine Anzeige verzichten,Aberhinter so einem Antragsdeliktkann man sich als Polizei gut verstecken.
Deswegen wuster der Polizist nicht wie er sich verhalten soll oder verhalten wollte.Wäre es ein Linker gewesen oder ein Ausländer mit nicht nazistischen Hintergrund da hätte man besser funktioniert.Es ist und bleibt ein eindeudiger Angriff
von Rechten Schlägern und Verbrechern,und die Polizei hilft indirekt mit das solche Leute das Land ungestraftverlassen können.Ich kann mir in diesen Fall nicht den Eindruck erwehren,das Geldeintreiben von Verkehrsündern wichtiger ist,als ordentliche Arbeit bei einem sollchen Verbrechen.

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 43 - 10 = 


Anzeige
Weitere Themen

Bafögsätze sollen steigen Lesezeichen hinzufügen

Die Bundesregierung will zum 1. Oktober 2010 das BAföG erhöhen. mehr...

Entsorgungsfragen Lesezeichen hinzufügen

Von Reimar Paul, Göttingen
Umweltschützer befürchten, das Bundesamt für Strahlenschutz könnte seinen ... mehr...

Von Nord-Wasiristan bis Berlin Lesezeichen hinzufügen

Von Frank Jansen, Erfurt
Geheimdienste fürchten Anschläge im Zusammenhang mit der ... mehr...

Mehr Bafög – und 300 Euro für die Besten Lesezeichen hinzufügen

Die Bundesregierung will das Bafög erhöhen und besonders leistungsstarke ... mehr...

Mohammed al Baradei: Der Aufseher Lesezeichen hinzufügen

Von Andrea Nüsse
IAEA-Chef Mohammend al Baradei steht vor dem Ende seiner Amtszeit - klare Worte ... mehr...
Fotostrecken

Franz Müntefering (20 Bilder)

Die Feierlichkeiten zum 9. November (19 Bilder)

Das neue Bundeskabinett (16 Bilder)

Die letzten Wochen der DDR (23 Bilder)

Schwarz-gelbe Koalitionsverhandlungen (10 Bilder)

Oskar Lafontaines politisches Leben (18 Bilder)
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr