Zeitungs-Plagiat : Attac verteilt gefälschte "Zeit"

Eine nachgemachte Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit" verteilt das Netzwerk Attac in mehreren deutschen Städten. "Am Ende des Tunnels" lautet die Schlagzeile auf der Titelseite des Plagiats, das von einer Zukunft kündet, wie sie sich die Globalisierungskritiker wünschen.

Carsten Kloth
Zeit-Plagiat
Wochenzeitung "Die Zeit": Original und Fälschung. -Foto: tagesspiegel.de

Berlin"Finanz- und Wirtschaftskrise beendet", verkündet der Attac-Aktivist auf dem Berliner Alexanderplatz, während er eine gefälschte Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit" verteilt. Und tatsächlich: Das Zeitungsplagiat, das von zahlreichen Aktivisten des globalisierungskritischen Netzwerkes bundesweit verteilt wird, enthält Beiträge, die von verstaatlichten Banken, Vermögensabgaben und globalen Mindeststeuern, einem neuen Währungssystem, Opel in Belegschaftshand und einer Klagewelle gegen Klimasünder berichten.

Statt der Meldungen von gestern verkündet das "Zeit"-Plagiat die Nachrichten der Zukunft. "Am Ende des Tunnels" lautet die Schlagzeile auf dem Titelblatt, als Erscheinungsdatum ist der 1. Mai 2010 angeben. "Die Berichte über die globale Wirtschafts-, Finanz- Hunger- und Klimakrise lassen viele Menschen hilflos zurück. Wir haben deshalb die Zeit weitergedreht und die Nachrichten verfasst, die wir morgen lesen wollen - nicht über ein fernes Paradies, sondern über konkrete Verbesserungen, die denkbar und erstreitbar sind", sagte die Attac-Aktivistin Jutta Sundermann. "Die Zeit" gehört wie "Der Tagesspiegel" zur Verlagsgruppe Holtzbrinck. In den Chefredaktionen von "Die Zeit" und "Zeit-Online" ist man von der Aktion überrascht.

In mehr als 90 Städten werden etwa 150.000 Exemplare der gefälschten Zeitung verteilt, für die nicht nur Attac-Mitglieder Beiträge lieferten: So berichtet der Tagesspiegel-Journalist und Buchautor Harald Schumann von einem G20-Treffen in Brasilia, bei dem sich die Industrie- und Schwellenländer auf eine weitreichende Besteuerung großer Privatvermögen und internationaler Konzerne geeinigt haben. "Ich finde es eine schöne Idee, eine Zeitung voller guter Nachrichten zu machen, die zeigt, wie die Welt sein könnte", sagte Schumann.

Wirtschaftsjournalist Lucas Zeise beschreibt die Veränderung der deutschen Bankenlandschaft nach dem Untergang zahlreicher Privatinstitute. Der Kabarettist Matthias Deutschmann konstatiert das Ende des Kasinokapitalismus und Autorin Daniela Dahn schreibt über eine neue internationale Fernsehstation Social TV. Weitere Artikel haben das Ende der Nato zum Thema, berichten von Schuldenerlassen für arme Länder, einer dezentralen Konferenz der Weltgesellschaft gegen Hunger und den positiven Auswirkungen der Bildungsproteste.

Vorbild " Yes Men"

Auch die letzte Seite der Zeitung zeichnet ein Wunschbild der Globalisierungskritiker: Anlässlich des bevorstehenden G20-Gipfels in London rufen zahlreiche Organisationen zur Demonstration am 28. März in Berlin und Frakfurt am Main auf. Aus Sicht der Zukunfts-"Zeit" markierten die Proteste unter dem Motto "Wir zahlen nicht für eure Krise" bundesweit den Aufbruch der Zivilgesellschaft.

Inspirieren ließen sich die Blattmacher von Attac von der US-amerikanischen Gruppe "Yes Men", die im vergangenen Jahr eine Zukunftsausgabe der "New York Times" veröffentlichte. Die gefälschte Ausgabe hatte eine Millionenauflage und verkündete mit Datum 4. Juli 2009 das Ende des Irakkriegs und die Schließung des US-Gefangenenlagers Guantánamo auf Kuba. Mit der täuschend echt wirkenden "Sonderausgabe" der New York Times kann das "Zeit"-Plagiat von Attac freilich nicht mithalten: Im Vergleich zur Original-"Zeit" hat das Plagiat von Attac ein kleineres Format und vor allem einen erheblich geringeren Umfang. Aber immerhin wird die gedruckte Fälschung von einem Online-Auftritt begleitet, auf dem auch die Druckausgabe heruntergeladen werden kann.

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