Politik : Deutung als Befreiung

Von Hermann Rudolph

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Diesem Tag gerecht zu werden, war nie leicht. Aber in diesem, seinem sechzigsten Jahr setzt der 8.Mai das Verhältnis der Deutschen zu ihm, also uns auf den Prüfstand wie kaum je zuvor. Soviel Erinnerung, ZeitzeugenAufmarsch, TV-Serien, Dokumentation wie in den vergangenen Monaten war nie. Heute wird ein Bundespräsident die Gedenkrede im Bundestag halten, der als Kind selbst in die Mühle von Krieg und Vertreibung geraten ist. Morgen wird der deutsche Bundeskanzler in Moskau mitfeiern, Seit an Seit mit den Siegern über Hitlerdeutschland. Am Tag darauf wird das Mahnmal eingeweiht, das die Erinnerung an den durch Deutsche angerichteten Zivilisationsbruch des Holocaust in die Mitte des neuen Regierungsviertels der Bundesrepublik pflanzt.

Vor allem ist die Geschichte weitergegangen. Die Bilder des Kriegsendes sind die alten, doch es sind veränderte Menschen, die sie ansehen, und ein anderes Zeitklima, in das sie hineinwirken. Das neue Gedenken zieht an den alten Erinnerungen vorbei. Ein sich wandelndes „Geschichtsgefühl“ gibt dem Schicksal der Deutschen mehr Raum, der Vertreibung, den Bombennächten, den gefallenen Vätern und Großvätern. Die EU-Erweiterung nach Osten ist dabei, auch das europäische Bewusstsein zu verschieben und ihm die Erfahrungen der sozialistischen Unterdrückung hinzuzufügen, die auch eine Folge des Sieges über das Dritte Reich war.

Die meisten Deutschen sind heute davon überzeugt, dass dieser 8.Mai ein Tag der Befreiung war. Um so wichtiger ist es, die Ambivalenzen nicht zu verdrängen, die ihn in den letzten Jahren zunehmend eingeholt haben – aus der Tiefe unseres kollektiven Bewusstseins heraus wie aus den weiten Gedächtnislandschaften des östlichen Europas. Werden dem 8.Mai diese zwiespältigen Erinnerungen ausgetrieben, mit wohlfeiler „Befreiungsrhetorik“ (Günter Grass) oder gesinnungsprotzerischer – oft auch nur oberflächlicher – Rechthaberei, so verliert er seine Wahrheit. Zumal für die Deutschen: Nur wenn wir den Tiefpunkt und die Schrecken nicht verdrängen, die das Kriegsende für uns bedeutete, behalten die Umkehr und das Umdenken, die daraus gefolgt sind, den Ernst, der sie tauglich machte für den Neuanfang.

Es gehört ja nicht zuletzt zu diesem Tag, dass er – wie man gerne formuliert hat – ein Ende darstellte, das ein Anfang war. So etwas hatte übrigens schon der alte Adenauer in seiner spröden Art im Gespür, als er 1949 bei den Schlussberatungen über das Grundgesetz darauf drängte, dass es „das Datum des 8.Mai tragen möge“. Vielleicht tut es dem heutigen Gedenktag auch keinen Abbruch, sondern verdeutlicht die Konsequenz des Weges zur Normalität, wenn man sich vergegenwärtigt, dass diese Republik in eben diesen Mai-Tagen zehn Jahre später mit ihrer Souveränitäts-Erklärung und dem Beitritt zum atlantischen Bündnis ihre Staatswerdung vollendete.

Der Rückblick und die Bewertung, zu denen der 8.Mai uns anhält, verträgt keine Enge, sondern erfordert einen weiten historischen Blick. Dann wird erkennbar, dass seine Deutung als Befreiung keine bloße Behauptung ist und auch kein Abwehrzauber, um dunkle Mächte zu bannen. Sondern der Inbegriff des Fortschritts im Bewusstsein von Freiheit, Demokratie und Zivilität, den die Deutschen seither praktiziert haben.

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