Politik : Diagnose: Keiner da

Ärzteverbände sehen „dramatischen Nachwuchsmangel“ und warnen vor Versorgungskrise

Rainer Woratschka

Berlin - Erst schlugen die Krankenhäuser Alarm, nun sind es die Ärzte. „Dramatischen Nachwuchsmangel“ in ländlichen Regionen und ostdeutschen Krankenhäusern diagnostizierten Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am Dienstag in Berlin. Wenn die Politik nicht gegensteuere, drohe eine „veritable Versorgungskrise“, warnte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe.

Neu daran ist, dass das Problem inzwischen nicht mehr nur die ostdeutsche Provinz betrifft. Nach einer aktuellen Studie fehlen auch in Niedersachsen 186 Hausärzte, in Sachsen-Anhalt sind es 120, in Westfalen- Lippe 60, in Brandenburg 56, in Mecklenburg-Vorpommern 30, in Thüringen 14 und am Nordrhein 10. Auch bei Augen-, Frauen-, Haut- und Nervenärzten werde es immer enger, sagt KBV-Chef Andreas Köhler. Und an den Krankenhäusern ebenfalls. Dort lassen sich nach Ärztekammerangaben bundesweit 28 Prozent der vakanten Stellen gar nicht mehr besetzen, im Osten sogar mehr als 50 Prozent. Manche Ost-Kliniken ließen sich nur noch mit ausländischen Ärzten betreiben, so Thomas Kopetsch, Leiter des Bundesarztregisters. Mitunter stellten sie bis zu drei Viertel des Medizinerpersonals.

Hinzu kommt, dass die praktizierenden Mediziner immer älter werden. Seit 1993 ist ihr Durchschnittsalter kontinuierlich gestiegen. Bei Klinikärzten liegt es bei knapp 41, bei Vertragsärzten bereits bei über 51 Jahren. Mehr als 20 000 ambulant tätige Ärzte waren 2006 älter als 60. Die Zahl der unter 40-Jährigen sank binnen eines Jahres erneut um 6,7 Prozent.

Von den Unis kommt schlicht zu wenig Ersatz. „Uns bricht der Nachwuchs weg“, klagt Hoppe. Der „Schwund“ derer, die ein Medizinstudium beginnen, dann aber weder in Praxis noch Klinikum landen, liege inzwischen – auch eine Rekordzahl – bei 41,6 Prozent. Die Studenten bekämen mit, dass man in anderen Jobs oder im Ausland bequemer arbeiten und mehr verdienen könne. „Viele wollen nicht mehr um den Preis ihrer eigenen Gesundheit 60- oder 80-Stunden-Dienste in der Woche schieben, um sich dann auch noch die Qualität ihrer Arbeit von der Politik mies machen zu lassen.“ 16 000 deutsche Ärzte arbeiten derzeit im Ausland, 3500 mehr als noch 2004. Besonders beliebt: Großbritannien, die Schweiz und die USA.

Begegnen lässt sich dem hiesigen Ärztemangel aus Funktionärssicht nur mit dreierlei: mit deutlich höherer Bezahlung, weniger Bürokratie und besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es sei Aufgabe der Politik, den Arztberuf wieder attraktiver zu machen, drängt Hoppe, und die Ärztegewerkschaft Marburger Bund pflichtet ihm bei. Bei der Bekämpfung des Ärztemangels habe die Bundesregierung „gnadenlos versagt“, bilanziert Verbandschef Frank Ulrich Montgomery.

Die reagiert verärgert. „Panikmache und Miesmacherei“ betrieben die Ärzteverbände, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Von wegen Ärztemangel: In den vergangenen 15 Jahren sei die Zahl ärztlich tätiger Mediziner um 60 000 gestiegen. Allerdings sei deren Verteilung „nicht überall optimal“. Letzteres räumt auch der KBV-Chef ein. Ballungszentren seien nach wie vor überversorgt, sagt Köhler. „Es gelingt uns einfach nicht, die Ärzte von Berlin in die Uckermark zu bringen.“ Das hänge mit dem weniger attraktiven Lebensumfeld ebenso zusammen wie mit dem Umstand, „dass sie auf dem Land jeden zweiten Tag Notfalldienst verrichten müssen“. Dass Jungmediziner nicht in den Osten wollen, sei aber auch der Politik und dem fehlenden Vergütungsausgleich zuzuschreiben, betont Köhler. „Wer will schon ein Fünftel mehr arbeiten und dafür ein Fünftel weniger verdienen“.

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