Politik : Die andere Welt erkämpfen

Heinz Siebold

Er weiß, wovon er spricht: "Wenn ihr euch selbst vernichten wollt, dann geht diesen armseligen Weg. Es würde nicht besser werden als bei den Grünen oder der PDS." Daniel Cohn-Bendit, 68er Urgestein und französischer Europa-Abgeordneter, rät den 2000 Globalisierungskritikern von "Attac" ab, den steinigen Weg einer Parteigründung zu gehen. Andererseits legt er am Samstag, dem ersten Tag des Bundeskongresses in Berlin, den Finger auf einen wunden Punkt: "Ohne machtpolitische Alternative können wir die Dynamik des Neoliberalismus nicht umdrehen."

Immer nur Forderungen stellen, dafür auch einmal Lob von höchster Stelle einheimsen, ohne dass sich etwas ändert, das reicht nicht, um ein Konglomerat von unterschiedlichsten Gruppen und Personen auf Dauer zusammenzuhalten. Im Moment hat "Attac", das "Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte", Probleme wie die Start-ups der New Economy in ihren Gründerzeiten. "Wir betreiben pures Wachstumsmanagement, wir werden überrollt von Anfragen", stöhnt Sprecher Sven Giegold. Erst im Frühjahr 2000 von 120 Personen in Frankfurt (Main) in Anlehnung an das französische Vorbild gegründet, ist die Organisation nach den Protesten gegen den Regierungsgipfel in Genua im Sommer bereits auf rund 2000 Mitglieder angewachsen, 30 Ortsgruppen arbeiten schon, fast jede Woche wird irgendwo eine neue gegründet. "Attac ist das Ergebnis von Diskussionen der letzten 15 Jahre", sagt Sprecher Giegold, die in "Dritte-Welt-Gruppen", Menschenrechtsorganisationen, Nicht-Regierungsorganisationen und in Gewerkschaften geführt wurden und einen gemeinsamen Nenner hatten: "Wir sind nicht Gegner der Globalisierung, sondern ihrer neoliberalen Variante." "Eine andere Welt ist möglich", so lautet auch das Kongressmotto. Eine Welt, die sich nicht allein dem Profitinteresse des internationalen Finanzkapitals unterordnen dürfe - das ist der rote Faden, der sich durch Reden und Statements, Info-Stände und Workshops zieht. Attac hat bereits Wirkung erzielt: "Sie haben es geschafft, die Agenda zu verändern, was wir in den Institutionen nicht geschafft haben", lobt Cohn-Bendit, selbst Attac-Mitglied. Und das ohne ein Programm, ohne Parteiorganisation, ohne Parlamentssitze. "Ein Programm zu formulieren würde die Breite des Bündnisses zerstören", räumt Giegold ein.

So geht es vor allem darum, zu analysieren und zu diskutieren. An wortmächtigen Rednern ist kein Mangel. Der wohl prominenteste wird an diesem Sonntag erwartet: Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine spricht zu "Ohnmacht des Nationalstaates - Kernproblem oder Mythos".

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