Politik : Die Angreifer halten den Bulgaren in Pristina fälschlicherweise für einen Serben

Ein Mob junger Albaner hat im Kosovo erstmals einen Mitarbeiter der UN-Mission angegriffen und mit einem Kopfschuss getötet. Der 38-jährige Bulgare Valentin Krumov wurde in der Nacht zum Dienstag auf einer belebten Hauptstraße in Pristina von den Männern gelyncht, nachdem er eine Frage auf Serbisch beantwortet hatte. Die UN-Polizei forderte am Dienstag, am Vortag des Kosovo-Besuchs von UN-Generalsekretär Kofi Annan, alle ihre Beamten zu erhöhter Wachsamkeit auf. Der Mann sei Opfer brutalen Hasses geworden, sagte der Leiter der UN-Mission, Bernard Kouchner, in Pristina. "Der Mord an einem UN-Mitarbeiter ist nicht hinnehmbar."

Der Bulgare hatte erst Stunden zuvor seinen Dienst im Kosovo aufgenommen. Er wurde als erster UN-Mitarbeiter Opfer eines tödlichen Angriffs. Äußerlich war er nicht als UN-Gesandter zu erkennen, weil er Straßenkleidung trug. Die UN-Polizei teilte mit, der Mann sei bei einem Bummel in Pristina, wo er mit zwei Kolleginnen unterwegs war, von Kosovo-Albanern angegriffen, etwa 50 Meter verschleppt und dann erschossen worden. Die UN-Polizei, die in Pristina für die Sicherheit zuständig ist, fahndet nach einer Gruppe von fünf oder sechs jungen Männern im Alter von etwa 17 Jahren.

Während die Vereinten Nationen zentrale Aufgaben der Zivilverwaltung im Kosovo übernommen haben, wird der militärische Schutz in der Provinz von der Nato gestellt. Die anhaltenden Spannungen zwischen Albanern und den wenigen noch verbliebenen Serben im Kosovo führen immer wieder zu Übergriffen und Anschlägen.

Die Friedenstruppe KFOR wird nach Einschätzung ihres bisherigen Kommandanten Mike Jackson noch mindestens einige Jahre im Kosovo bleiben müssen. Der britische General äußerte sich am Dienstag bei der Rückkehr ins Nato-Hauptquartier nach Mönchengladbach. So lange es keine politische Stabilität im Kosovo gebe, bleibe die Anwesenheit der Friedenstruppe nötig, sagte er. Wie lange dies sei, hänge im wesentlichen von Belgrad ab. "Mit der jetzigen Sicherheitslage bin ich nicht zufrieden", sagte Jackson: "Ethnischer Hass macht das Leben im Kosovo schwierig." Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass alle Probleme sich gelegt hätten.

Ähnlich äußerte sich der UN-Beauftragte für das Kosovo, Bernard Kouchner. Er gehe davon aus, dass die "sehr schwierige Aufgabe" des Aufbaus und Verständigungsprozesses im Kosovo noch Jahre benötigen werde. Zwar gebe es Fortschritte im Schulwesen, bei der Abfertigung an den Grenzen, der Einrichtung des Fernsehens und der Vorbereitung eines Haushalts, sagte Kouchner am Montag in Paris. Andererseits würden Forderungen aufgestellt, und es herrsche Ungeduld, "wie beispielsweise, wenn es um den Schutz der Minderheiten geht, der nur sehr schwer voll und ganz sicher zu stellen ist".

Derweil erörterte Bundeskanzler Gerhard Schröder am Dienstag mit dem Jugoslawien-Beauftragten der russischen Regierung, Viktor Tschernomyrdin, die Lage im Kosovo. Schröder empfing Tschernomyrdin im Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg bei Bonn. Bei dem Mittagessen zogen die beiden Politiker eine Zwischenbilanz und prüften, wie die nach wie vor schwierige Situation verbessert werden kann. Einzelheiten des Gesprächs wurden nicht mitgeteilt. Die Begegnung fand am Rande des vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Bonn veranstalteten "Tages des industriellen Mittelstandes" statt, zu dem Schröder an den Rhein gekommen war.

Wie weiter verlautete, dankte der Kanzler Tschernomyrdin für seine Bemühungen bei der Vermittlung des Friedensplans für den Kosovo. Tschernomyrdin hatte entscheidenden Anteil an der Friedensregelung. Schröder und sein Gast begrüßten es, dass die Vereinten Nationen die zentrale Aufgabe der Zivilverwaltung im Kosovo übernommen haben. Gleichzeitig würdigten sie die Arbeit der internationalen militärischen Friedenstruppe.

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