Politik : Die Angst danach

Die palästinensische Führung zeigt sich „sehr beunruhigt“ über die Erkrankung Scharons

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

„Jetzt geht es den Israelis mit Ariel Scharon genauso wie uns vor einem Jahr mit Jassir Arafat“. Der von einem jungen Palästinenser bei einer Straßenumfrage in Ost-Jerusalem angestellte Vergleich stimmt. Zumindest in Bezug auf die arabische Welt.

Genauso wie im Spätherbst 2004 verfolgen die beiden großen arabischen TV-Nachrichtensender, Al Dschasira und Al Arabija, den Todeskampf – diesmal des israelischen Regierungschefs – in unzähligen Direktübertragungen vom Vorplatz des Krankenhauses. Sie sind beileibe nicht die einzigen arabischen Korrespondenten unter den geschätzten rund 1500 zum Teil eilig eingeflogenen und größtenteils vor der Klinik ausharrenden Berichterstattern.

Ariel Scharons Ende, ob nur politisch oder womöglich auch physisch, interessiert die Araber im Allgemeinen, die Palästinenser im Besonderen. Die Bilder von kleinen Kindern, die in Flüchtlingslagern im Gazastreifen Plakate mit orthografisch falschen Aufschriften hochhalten, auf denen Scharon der Tod – „Sharoon Go to hell“ – gewünscht wird, sind bereits um die Welt gegangen.

Sie spiegeln allerdings nicht die Reaktionen und Gefühle der Machthaber sowohl in Ramallah als auch den meisten arabischen Hauptstädten wider, wohl aber diejenigen militanter Extremisten besonders unter den freudetaumelnden Islamisten. Diese ließen auch Kinder auf Gazas Straßen Süßigkeiten als Festgeschenke an Passanten verteilen.

Genauso wie damals bei Arafats Agonie richtet jetzt sich das Interesse der politischen Führungen auf die Zeit danach, also die politischen Auswirkungen des Ausscheidens Scharons. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas erklärte, er sei „sehr beunruhigt“ über Scharons Erkrankung. Er informiere sich laufend persönlich telefonisch beim amtierenden israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert und dem arabischen Knessetabgeordneten Ahmed Tibi, einem früher in der „Hadassah“-Klinik wirkenden Arzt.

Ministerpräsident Ahmed Kurei wünschte Scharon eine „schnelle Gesundung“, denn die Palästinenser „erwarteten einen für Frieden eintretenden politischen Führer in Israel, der bereit ist, mit den Palästinensern sehr seriöse und glaubhafte Verhandlungen aufzunehmen.“ Ob Kurei damit auch andeuten wollte, dass er dies nicht von Ehud Olmert erwarte, der vor allem als Stadtoberhaupt Jerusalems die Palästinenser mit ständigen Provokationen unter Druck setzte, bleibt Spekulation.

Chefunterhändler Sa’eb Erakat äußerte kurzfristige Befürchtungen. Olmert könnte die überfällige Entscheidung über die Beteiligung der Palästinenser Ost-Jerusalems an den palästinensischen Parlamentswahlen vom 25. Januar hinauszögern oder gar nicht dazu Stellung beziehen. Dies würde bedeuten, so Erakat, dass die Wahlen überhaupt nicht abgehalten werden könnten.

Auch aus Kairo und Amman, den Hauptstädten der durch Friedensverträge mit Israel verbundenen Nachbarstaaten, werden ständig Informationen über Scharons Gesundheitszustand eingeholt. Doch der jordanische Regierungssprecher Nasser Joudeh verweigerte eine offizielle Stellungnahme. Scharon selbst hatte nach seinem ersten, leichten Schlaganfall vor zwei Wochen erzählt, dass er die ersten Genesungswünsche überhaupt von Ägyptens Präsidenten Hosni Mubarak erhalten habe, der ihn persönlich angerufen habe. Sehr unangenehm aufgefallen ist dagegen in Israel erneut der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Diesmal wünschte er Scharon ganz einfach den Tod.

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