Politik : Die Angst kehrt zurück

Die kommenden Feiertage werden zeigen, ob die Anschläge in Israel der Beginn einer neuen Attentatserie sind

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Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv

Nach dem Selbstmordattentat am Donnerstag in Tel Aviv mit fünf Toten und mehr als 60 zum Teil schwerverletzten Menschen fragt man sich in Israel, ob eine neue Terrorwelle hereinbricht, oder ob es sich um eine zufällige Häufung von Anschlägen nach siebenwöchiger Pause handelt. Erst die kommenden Feiertage, traditionell für Ausflüge und Kurzurlaube genutzt, werden eine Antwort geben. Die panisch bis fatalistische Reaktion breiter Bevölkerungskreise auf den neuesten Anschlag zeigt, dass auch nach einer Zeit gespannter Ruhe die Nerven der Menschen blank liegen.

Am Mittwoch hatte ein Polizist einen ähnlichen Anschlag nahe der Ortschaft Umm el-Fahm verhindert – und dafür mit seinem Leben gezahlt. Der als Selbstmordattentäter erkannte Mann zündete den Sprengstoffgürtel, den er auf dem Körper trug, und tötete sich und den Polizisten. Ebenfalls am Mittwoch waren in den besetzten palästinensischen Gebieten zwei Menschen ums Leben gekommen: Ein älterer Baumeister wurde in der Nähe von Ostjerusalem entführt, gefoltert und verbrannt; ein Tiefbauunternehmer wurde während der Fahrt in seinem Auto bei der Westbankstadt Jenin erschossen.

Zum Zeitpunkt dieser Anschläge hatte der Chef des israelischen Inland-Geheimdienstes Schabak, Avi Dichter, während einer Regierungssitzung erklärt, dass auf der palästinensischen Seite keinerlei Änderungen des Verhaltens im Sicherheitssektor festzustellen seien: „Außer Worten gibt es keine Anstrengungen zur Terrorbekämpfung.“

Gleichzeitig gestand er allerdings ein, dass seit Ausbruch der „Al Aksa-Intifada“ vor inzwischen fast zwei Jahren von jüdischer Seite zwölf Anschläge gegen Palästinenser verübt worden sind, bei denen insgesamt acht Palästinenser getötet wurden. Die Anschläge vom Mittwoch haben die ersten Todesopfer seit mehreren Wochen gefordert. Jetzt führten die meisten israelischen Sicherheitsverantwortlichen die mehrwöchige Ruhepause allein auf eigene Erfolge zurück: Die erneute Besetzung und weitgehende Absperrung der palästinensischen Städte im Westjordanland und die ständige Verfolgung von Terrorverdächtigen hätten die Möglichkeiten der Terroristen erheblich eingeschränkt. Außerdem sei es weitgehend gelungen, das Eindringen von Terroristen nach Israel zu unterbinden. Die israelische Regierung hält deshalb auch nach den neuesten Attentaten an ihrer Politik fest, neben den Tätern Jassir Arafat und seine Palästinenserbehörde für die Anschläge verantwortlich zu machen. Tatsächlich hat Arafats eigene Fatah-Bewegung, beziehungsweise deren „militärischer Arm“, die Verantwortung für mindestens zwei der drei Anschläge vom Mittwoch übernommen.

Der letzte große Anschlag in Israel hatte sich Ende Juli ereignet. Damals waren bei einer Bombenexplosion in der Cafeteria der Hebräischen Universität in Jerusalem sieben Studenten getötet worden, weitere 85 wurden verletzt. Ende März hatte sich am Vorabend des jüdischen Passah-Festes ein 25-jähriger Attentäter in einem Hotel in die Luft gesprengt. Mit ihm starben 29 Menschen, über 100 wurden verletzt.

Nach dem Blutbad im Tel Aviver Bus veröffentlichte jetzt die palästinensische Autonomieregierung, wie in den vergangenen Monaten nach Anschlägen üblich, eine offizielle Verurteilung der Tat. Solche Anschläge stellten einen schweren Schaden für die palästinensische Sache dar und dienten dem israelischen Ministerpräsidenten Sharon als Vorwand für weitere Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Palästinenser.

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