Politik : Die Angst vor dem Ende des Gottesstaats

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Von Elke Windisch

Nominell ist Afghanistan seit 1918 unabhängig, real ist es Spielball einer Vielzahl von teilweise einander ausschließenden Interessen der Großmächte und seiner Nachbarn. Vor allem Pakistan, in dessen Nordwesten die Paschtunen siedeln, die in Afghanistan die größte Bevölkerungsgruppe stellen, und Iran, zu dem das Land bis 1747 gehörte, wollen im Nachbarland ihre Machtinteressen durchsetzen.

Die Islamische Republik unterstützte die Nordallianz, weil die Taliban radikale sunnitische Gruppen in Iran förderten und weil die Minderheit der Hazara mit Iran das schiitische Bekenntnis teilt. Mit der Machtübernahme der Nordallianz hoffte Teheran, den Einfluss, den es auf die Mudschahedinregierung Anfang der Neunziger hatte, wiederherzustellen. Mit dem Chef der Übergangsregierung Karsai dagegen können die orthodoxen Ajatollahs, die per Veto jede Entscheidung von Staatspräsident Mohammed Chatami kippen können, schon allein deshalb wenig anfangen, weil ein prowestlich orientiertes, säkuläres Afghanistan in der Region Beispielwirkung haben und den Fortbestand ihres eigenen Regimes in Frage stellen könnte. Stabilität bei den Nachbarn könnte zudem eine der wichtigsten Einnahmequellen der orthodoxen Geistlichkeit zum Versiegen bringen – den illegalen zollfreien Export von Diesel, Benzin und Konsumgütern durch staatliche iranische Unternehmen, die über Stiftungen vom iranischen Klerus kontrolliert werden.

Kommentare und Berichte über die Intrigen auf der Loya Dschirga füllen daher seit Tagen die Seiten iranischer Medien. Schon im Vorfeld der Loya Dschirga unterstützte die geistliche Führung gegen den Willen Chatamis afghanische Warlords, die mit Karsai unzufrieden sind und in der Taliban- Zeit im iranischen Exil lebten: Neben traditionellen Parteigängern Teherans, wie Ismail Khan in Herat und Hazara -Führer Karim Chalili ist das vor allem der Expremier Gulbuddin Hekmatyar. Seit dem Ende der Taliban hat er einflussreiche Paschtunenfürsten hinter sich.

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