Politik : Die Angst vor dem K-Wort - Wolfgang Schäubles Abschied

Thomas Kröter

Plötzlich steht er auf der Bühne, der alte Herr, weißhaarig, braun gebrannt. Ein paar Schritte noch, dann beugt er sich über den Präsidiumstisch, Händedruck, ein paar Worte - Abgang nach hinten, in die Kulisse. War das nicht? War es: Rainer Barzel. Mitten im neuen Leben der CDU: einer aus der Geschichte. Der Vorgänger des Patriarchen drückt dessen Nachfolger demonstrativ seine Solidarität aus. Zwei, die mit ihm eine Rechnung offen haben. Mit wem? Der Name fällt nicht. Keiner nimmt das K-Wort in den Mund. Auch Wolfgang Schäuble nicht, in seiner letzten Rede als Parteivorsitzender. Mit einer Stimme, nüchtern wie die eines Nachrichtensprechers, sagt er: "Und dann kam die Krise, unvermittelt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel." 16 Jahre war der Donnergott Bundeskanzler, ein Vierteljahrhundert Parteichef, lange Zeit davon der Redner dort vor dem blauen Hintergund sein wichtigster Mitstreiter. Unvermittelt?

Der nächste Satz ist für den Redner der schwerste in dieser ohnehin wohl schwersten Rede seiner politischen Laufbahn: "Kein Blick zurück im Zorn." Dem hat er in Interviews freien Lauf gelassen, von Intrigen gesprochen, gar von krimineller Energie. So brachial wirkte die Gefühlswallung des nahezu sprichwörtlichen Kopfmenschen Wolfgang Schäuble, dass sie den Respekt, das Mitleid für die tragische Gestalt der letzten Wochen zu zerstören drohte. Aber das war draußen. In der Welt der Medien, der Wähler. Hier ist drinnen, hier ist Partei, schlimmer: Parteitag. CDU-Parteitag, Gruga-Halle, Essen. Da gelten andere Gesetze. Der bald ehemalige Vorsitzende weiß das. Er unterwirft sich dem Gesetz, unterwirft sich der Dramaturgie, wie er es so häufig getan hat. Heute für Merkel, früher für Kohl.

Wie oft hätte er ihn an die Wand reden können, wie er im Bundestag noch jeden Redner des Gegners ausgestochen hat? Nie hat er es getan, stets die Disziplin gewahrt, die Nummer eins auch im Jubel der Delegierten die Nummer eins sein lassen. Doch einmal, da ist es mit ihm durchgegangen vor der vorigen, der verlorenen Bundestagswahl. In Leipzig präsentierte sich Schäuble als die dynamische Alternative zu Kohl. Der revanchierte sich prompt, rief den Fraktionschef zum Kronprizen aus. Für wann? Für irgendwann. Aber klar war wieder, wer Herr des Verfahrens war in der CDU. Damals.

Demnächst wird davon zu lesen sein, in zwei Versionen, wenn Kohl und Schäuble ihre Erinnerungen vorgelegt haben. Aber jetzt wird der Zorn gezügelt, das K-Wort gemieden. Dafür spricht der Mann im Rollstuhl immer weiter mit seiner Nachrichtenstimme von Loyalität. Von Loyalität, die keine Einbahnstraße sein dürfe. Schweigt davon, wer nach seiner bitteren Erfahrung dieses Prinzip verletzt hat. Schäuble beschwört die gemeinsame Aufgabe: "Und diese Aufgabe ist größer und wichtiger als jeder einzelne." Fast wortgleich hat Rudolf Scharping, frisch aus dem Amt des SPD-Vorsitzenden geputscht, Oskar Lafontaine seiner Loyalität versichert. Den einen hat der Nachfolger ins Mark verletzt. Wie viel schlimmer muss es sein, wenn der - endlich - aufs Altenteil verbannte Vorgänger noch die Macht hat, einem die Zukunft zu verbauen?

Nein, genau das will er nicht. Er ist loyal. Und deshalb hält Wolfgang Schäuble seine Rede so, dass seine Nachfolgerin mit Sicherheit der unangefochtene Star dieses Parteitags sein wird. Ja, er hätte auch anders gekonnt. Auch mit diesem Text. Ein typischer Schäuble-Text ist es, mit knappen präzisen Schlägen gegen den Gegner, langen reflektierenden Passagen. Der Programmatiker spricht von Nachhaltigkeit als Politik-Prinzip, räsoniert darüber, was diese Gesellschaft im Innersten zusammenhalten kann. Bei anderer Gelegenheit hätte man daraus den Aufbruch in Richtung Schwarz-Grün, in Richtung eines neuen Koalitionshorizontes interpretieren können. Das ist jetzt unwichtig. Schäuble gibt sein Vermächtnis zu Protokoll. Er hat "Zur Sache" gesprochen, wie das Motto des Parteitages verspricht.

Aber in Wirklichkeit geht es um die Person - die nicht anwesende, die dennoch diesen Parteitag so in ihren Bann noch schlägt, dass die Redner fürchten, sie nur durch Nichterwähnung bannen zu können; und dann um die anwesende. Die kommende. Angela Merkel. Ein Wort des Dankes noch an Schäuble - passend gesprochen von Peter Müller, Wahlsieger in Schäubles kurzer Zeit. Einen Laptop schenkt er ihm. Mit sparsamen Gesten ordnet Merkel den Schenkenden, den Beschenkten und das Geschenk zum Motiv für die Fotografen. Die neue Regisseurin. Schäuble ist auch noch da. Aber er ist jetzt Geschichte. Wie Rainer Barzel.

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