Politik : Die Angst vor der Lücke

Michel Friedman hat die Juden repräsentiert wie wenige vor ihm – der Zentralrat hält ihn für unersetzbar

Christian Böhme

Paul Spiegel macht diese Woche Urlaub. Und der war schon lange geplant. Hätte der Präsident des Zentralrats der Juden seine Ferien wegen Michel Friedmans Drogenaffäre verschieben sollen? Vielleicht hat Spiegel daran gedacht. Er entschied sich aber dafür, zumindest nach außen hin zu signalisieren: Alles läuft wie immer, normales Programm. Von den Vorwürfen gegen Friedman – den Vizepräsidenten des Zentralrats, den Kollegen, den Freund – sei ja bisher keiner bewiesen, sagt Spiegel. So lange gelte für ihn wie für alle anderen die Unschuldsvermutung. „Ich habe volles Vertrauen zu ihm“, betont der Chef des Dachverbandes der Juden in Deutschland dieser Tage immer wieder. Warum also nicht ein paar Tage Erholung?

Den Urlaub kann Spiegel sicher gut gebrauchen. Denn von Normalität ist man beim Zentralrat so weit entfernt wie schon lange nicht mehr. Allein die Nachricht von der Razzia bei Friedman vor einer Woche wegen Kokain-Verdachts versetzte allen Verantwortlichen einen Riesenschreck. Dann kamen noch die Berichte über mögliche Verbindungen des 47-jährigen Fernsehmoderators zum Rotlichtmilieu. Die Berliner Ermittler glauben, Friedman habe Prostituierte, die einer ukrainisch-polnischen Schleuserbande zugerechnet werden, auf sein Hotelzimmer bestellt. Nach Aussagen der Frauen soll Friedman ihnen Kokain angeboten haben. Schlimmer, so ist aus dem Zentralrat zu hören, hätte es nicht kommen können. Das prominenteste Mitglied aus der Führungsriege der Interessenvertretung der Juden – ein Fall für Polizei und Staatsanwaltschaft.

Friedman ist neben Spiegel so etwas wie das Aushängeschild des Judentums in Deutschland. Wenn es um die Belange der Minderheit geht, um den Kampf gegen Intoleranz und Antisemitismus, dann ist der Frankfurter Rechtsanwalt zur Stelle. Diskussionen, Fernsehauftritte, Demonstrationen – er lässt keine Gelegenheit aus, in die Öffentlichkeit zu gehen. Zentralrat? Die Organisation der 83 jüdischen Gemeinden sagt vielen Deutschen herzlich wenig. Friedman? Den kennen alle. Wie sich jetzt zeigt, kann so viel Prominenz auch von Nachteil sein.

Die Allgegenwart des Multifunktionsträgers könnte zum Problem werden: Friedman gilt bei vielen Gemeindemitgliedern als unersetzbar. Gerade ältere Juden schätzen ihn als erfolgreichen „Sachwalter“ ihrer Interessen. Die Jüngeren wiederum haben viel übrig für seine Angriffslust. Wie wenige andere bekennt sich Friedman öffentlich zum Judentum. Er lebt seinen Glauben im privaten Alltag und auf Society-Parties ebenso wie im Licht der Studioscheinwerfer.

Vielleicht sind das alles Gründe dafür, dass bisher kein führendes Mitglied der jüdischen Gemeinden gefordert hat, Michel Friedman müsse während der Ermittlungen gegen ihn seine Ämter ruhen lassen oder gar zurücktreten. Wer sollte auch seine vielen Aufgaben (und Rollen) übernehmen? Es gibt keinen Handlungsbedarf, glaubt Präsident Spiegel: „Ich habe keine Erkenntnisse darüber, dass Friedman in der Ausübung seines Amtes Fehler gemacht hat.“

Der Zentralrat bewahrt Fassung, wenigstens nach außen. Man hält zu ihm. Vielleicht auch aus Mitleid. „Man kann doch nicht einem Fallenden einen Tritt geben“, sagt einer aus der Führungsmannschaft des Zentralrats – die strafrechtliche Relevanz der Vorwürfe sei ja auch bisher gar nicht erwiesen. Das sehen selbst einige Gegner Friedmans so, von denen es auch in den Gemeinden nicht allzu wenige gibt. Sie ärgern sich vor allem über seine überhebliche Art, den harten Konfrontationskurs, den er oft einschlägt.

Wertschätzung hin, Mitleid her: Nicht einmal Optimisten glauben, dass die Affäre spurlos am Zentralratsvize vorbeigehen wird, selbst wenn Friedman seine Unschuld beweisen könnte. Kann er der Sache des Judentums wie bisher dienen und nutzen? Die Frage wagt derzeit zwar kein Gemeindemitglied offen zu stellen. Sie wird sich aber stellen, spätestens, wenn in Friedmans Haarprobe Kokain nachgewiesen werden sollte. Der „Stern“ hat schon mal nach Friedmans Zukunft gefragt. Mehr als die Hälfte der 1009 Befragten (52 Prozent) will ihn schon jetzt nicht mehr als TV-Moderator, 36 Prozent finden, er solle ruhig weitermachen. 48 Prozent meinen, er solle sein Amt als Zentralratsvize abgeben. 39 Prozent fänden das übertrieben.

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