Politik : Die Armen helfen den Ärmsten

CAROLINE FETSCHER

TIRANA .Sie strömen durch das Nadelöhr an der Nordgrenze, seit Wochen und zu Hunderttausenden.Bei ihren albanischen Nachbarn hoffen die flüchtenden Kosovaren, Aufnahme zu finden und treffen auf ein Land, das ärmer und wilder ist als ihres.Albanien liegt am Rand vom Rand Europas, ein Provisorium, ein Staat in seinen Teenagerjahren, der sich mit großer Mühe von Jahrzehnten politischer, kultureller und wirtschaftlicher Einzelhaft erholt.Nichts ist symbolischer für die Isolation, die dieses Land durchgemacht hat, als die 700 000 Mini-Bunker, die über Stadt und Land gleichmäßig verteilt sind.Nach chinesischen Plänen erbaut, sind die verwitternden, mit Graffiti verzierten Betonkuppeln Denkmäler der Ära Hodscha - Befestigungsanlagen für einen Krieg, der dann nicht kam.Dafür kommt nun ein anderer.

Wenige Jahre nach dem Ende des albanischen Kommunismus nährt sich der junge Adriastaat von seiner wachsenden Schattenwirtschaft, von Korruption und von Zuwendungen von außen.Und kein "Westler", der längere Zeit in Albanien lebt, verurteilt die derzeitige Mentalität der Bewohner des Landes.Im Augenblick staunen die meisten über die unauffällig geleistete Hilfe, mit der Albaner ihre Vettern und Cousinen aus dem Kosovo unterstützen.Wer durch die Städte und Ortschaften läuft, sieht überall Häuser, die buchstäblich aus den Nähten platzen.Endlose Wäscheleinen mit Flüchtlingskleidern, Jeans und Babyjacken, Unterwäsche und Windeln verhängen Balkone und Fenster.

24 Verwandte aus Djakova hat die achtköpfige Familie von Shkelzen Pecharkaj in Tirana aufgenommen - in eine Drei-Zimmerwohnung.Shkelzen schläft jetzt mit den Männern im Keller des Hauses, Frauen und Kinder betreiben im zweiten Stock ihre enge Wirtschaft aus Kochen, Kinder beruhigen und Schlafen.Nur wenig staatliche oder humanitäre Hilfe dringt zu Haushalten wie diesem durch."Was das Rote Kreuz anbietet, mögen die Gäste nicht", erklärt Shkelzen."Sie kennen das Essen nicht, sie besorgen es gar nicht erst." Die Rede ist von der "Astronauntennahrung", die Hilfswerke oft noch anbieten, Essen, das aufgeweicht und in Plastikbeuteln warmgemacht werden muß.Außerdem mögen sie Bohnensuppe, Obst, Kartoffeln, und Gulasch, nicht Hoch-Energie-Biskuits und Fertigmenüs.

Duschen und waschen bedeuten ständigen Kampf um jeden Liter Wasser.Die Kanalisation ist veraltet und für eine Bevölkerung angelegt, die gerade mal halb so groß ist, wie die aktuelle.Nicht allein im 430 000 Einwohner zählenden Tirana sind Straßen oft überflutet, weil Wasserrohre undicht und verstopft sind.

Schon im "Normalzustand" ist Albanien in der Krise.Und nicht erst seit den heftigen Revolten vor zwei Jahren herrscht statt Marktwirtschaft Mafia, statt Regierung eine gedrosselte Anarchie.Jetzt kommen auch noch die Flüchtlinge dazu, die Rest-Jugoslawien mit brutalem Zynismus zu dem armen Nachbarn treibt.Aber es wird weder viel geklagt noch demonstriert, es wird einfach organisiert und gehandelt, getauscht und gerechnet.

Das Land, das vom Rand ins Zentrum des Interesses katapultiert wurde, scheint sogar ein gewisses sportlich-verzweifeltes Vergnügen an der Situation zu entwickeln.Wo nichts ist, muß man einander helfen, da darf man aber auch betteln, stehlen - und Wucherpreise nehmen.Die Preise für Dienstleistungen und Waren explodieren, Tag um Tag verlangen Übersetzer und Fahrer höhere Sätze.Wer vor zwei Wochen noch zufrieden war mit fünfzig Dollar pro Tag, um eine Fernsehcrew zu kutschieren, kann jetzt, etwa von Japanern, 250 Dollar kassieren - und tut es.Die staatliche Telekommunikations-Firma verlangte für eine Chip-Karte zum Betreiben eines albanischen Mobiltelefons Ende März 300 Dollar.Vor einer Woche, als 85 OSZE-Mitarbeiter diese Chipkarten erwarben, schleppte die schwedische Budgetbeauftragte mehrere Plastiktüten voll mit Scheinen der Landeswährung LEK in eine Bank - sie durfte die damals 700 Dollar Gebühr pro Karte nur in LEK entrichten.Die Szene glich einem umgekehrten Bankraub.Inzwischen wurden die Telefon-Chip-Preise auf 1000 Dollar erhöht, ausländische Handynetze einfach ausgeschaltet.

Albanien glaubt in der gegenwärtigen Situation näher an das reiche Europa heranrücken zu können.Und steckt dabei noch immer tief im Schlamm - auch buchstäblich.Glanz jedenfalls ist ein Begriff, den dieses Land nur aus dem Fernsehen kennt, dessen Empfangsschüssel alle Fassaden, Plattenbauten wie verfallende italienische Wohnbauten vom Anfang des Jahrhunderts, überwuchern, wie gigantischer Pilzwuchs.

Vielleicht, weil die Albaner sich an die Glanzlosigkeit so gewöhnt haben, machen sie auch kein Aufheben darum, daß sie mit der pausenlosen Einreise ihrer kosovarischen Nachbarn restlos überfordert sind.Im Alltag mischt sich der Notstand der Seßhaften unspektakulär mit dem Notstand der jetzt Nichtseßhaften.Im Grenzort Kukes etwa lassen sich Einheimische von Flüchtlingen äußerlich kaum unterscheiden.Alle tragen die gleichen selten gewaschenen Kleider, Nachahmungen westlicher Freizeitkleidung, fast immer aus Synthetikfasern.

Von deutscher Seite beteiligen sich inzwischen mit Hunderten von Mitarbeitern die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit), der Arbeiter-Samariter-Bund und das Technische Hilfswerk.Norbert Schwarzer, langfristiger GTZ-Mitarbeiter in Albanien, hat wie sein Kollege Gunter Scharl seit Wochen keinen Tag frei und keinen richtigen Schlaf."Wochenenden kenne ich gar nicht mehr", sagt Scharl, der im nahe Montenegro gelegenen Shkodër wie in den Städten Krume, Durres, Maminas und Tirana Projekte organisiert.Der Missionsleiter des THW träumt von Fertighäusern, die er eventuell in Zusammenarbeit mit einer saudischen Firma bauen lassen will.Alles in allem soll allein die bundesdeutsche Hilfe für Albanien an Projekten für etwa 60 000 Flüchtlinge beteiligt sein.

Im überfüllten Kukes mag eigentlich kein Geflüchteter mehr lange bleiben, zu arm und eng ist das Städtchen, das im überlasteten, schmuddeligen Hospital sogar ein Sterbezimmer für die ganz Alten einrichten mußte, die gerade die Flucht überlebt haben, aber nicht weiterkonnten.Trotzdem haben sich Hunderte von Familien hier eingerichtet.Es sind die bäuerlichsten und einfachsten, die wie Ahmed Lochaj und seine sieben Angehörigen daran glauben wollen, daß sie "ganz bald" zurück in ihr Dorf bei Decan dürfen.Vor ihrem Zelt und ihrem Traktor haben sie eine Feuerstelle zum Kochen von Essen und Abkochen von Kleidern zusammengebastelt.Was sie zum Verbrennen verwenden, sieht aus wie Baumwurzeln und Elektronikschrott, es riecht ungesund.

65 Stunden waren sie auf der Flucht, reisen sind sie nicht gewöhnt.Nun wollen sie nicht weiterziehen."Nachts weinen die Kinder, bis sie einschlafen", seufzt Aisha mit Blick auf das Kinderzelt, das drei Mütter eingerichtet haben.In dem Zelt auf der Wiese vor der Moschee - in der auch Hunderte die Nächte verbringen - liegen Schaumstoffmatratzen, ohne Plastikplane darunter.Wenn es feucht wird, weil der Boden vom Regen weich ist, werden die Betten klamm oder saugen sich voll Wasser.Kaum ein Kind der Jochajs ist gesund."Ihr habt die NATO gerufen, geht zur NATO!" hatten ihnen die Serben gesagt, die sie verjagten.Auf dem Traktoranhänger schlafen die Alten, auf einer Schicht aus Stroh, Teppichen und Decken.

Wer mutig ist, eilt von Kukes weiter, möglichst in ein Camp, dessen guter Ruf sich herumgesprochen hat, wie das des italienischen Camps bei Golem.In unbeirrbarem Redefluß beeindruckt dort der Campleiter Piero Mascardini aus Rom seine Besucher mit der perfekten, nahezu deutschen Organisation der Unterkünfte: "Alle bei uns sind registriert, alle Bewohner im Computer, - und hier wohnen 5000 Leute.In einer mobilen Küche kochen Freiwillige kiloweise Pasta Barilla, es riecht nach echtem Essen.

Und es riecht nach Dauer.Hier in Albanien gibt sich fast niemand mehr Illusionen hin - die Lager werden für den kommenden Sommer und sogar schon für den Winter Stück für Stück eingerichtet.Das Drama wird lange dauern, und Albanien würde ohne Helfer am Ende sein.

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