Politik : Die Armut unter Berliner Familien nimmt dramatisch zu

KATJA FÜCHSEL

Dreimal soviel Sozialhilfe-Fälle wie im Jahr 1991 Statistiker sehen verstärkten Trend zu KinderlosigkeitVON KATJA FÜCHSEL BERLIN.Berlin wird immer mehr zu einer Stadt der Singles und kinderlosen Paare.Für Familien wird die Lage dagegen immer schwieriger: Seit 1991 verdoppelte sich die Zahl der Familien mit Kindern, die ihren Unterhalt aus Arbeitslosengeld und -hilfe bestreiten müssen.Die Zahl der Familien, die auf die Sozialhilfe angewiesen sind, hat sich seit 1991 sogar verdreifacht.Das teilte der Direktor des Statistischen Landesamtes, Günther Appel, am Mittwoch mit.Zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt gebe es nur noch geringe Einkommensunterschiede.Manche östliche Stadtbezirke schnitten sogar besser ab als einige der westlichen Bezirke. Die Berliner Statistiker haben bundesweit als erste die Zahlen für das vergangene Jahr ausgewertet.Dabei zeigten sich noch Unterschiede zwischen den beiden Teilen der Stadt.Beim Familiennettoeinkommen ergab sich jedoch ein differenzierteres Bild: Die traditionell wohlhabenden Westbezirke Zehlendorf, Steglitz, Wilmersdorf und Tempelhof beispielsweise werden vom Plattenbaubezirk Marzahn gefolgt."Das dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, daß hier häufig beide Eltern arbeiten", sagt Günther Appel.Am wenigsten zum Leben hatten 1997 die Familien in Friedrichshain, Tiergarten und Kreuzberg. Nach Appels Angaben haben 1997 knapp 70 000 Familien mit Kindern Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe oder Sozialhilfe empfangen.Das entspricht 17,6 Prozent aller Berliner Familien.Nur 8,4 Prozent der kinderlosen Paare waren darauf angewiesen.Gisela Kröger vom Statistischen Landesamt liest an diesen Zahlen einen weiteren Trend ab.Menschen im sogenannten Leistungsalter breiten sich als Singles oder kinderlose Paare immer mehr in der Stadt aus.Gleichzeitig ziehen nach Krögers Worten die wohlhabenden Familien zunehmend in den Speckgürtel.Wer sich den Umzug nicht leisten könne, bleibe in der Stadt. Eine andere Tendenz können die Statistiker seit der Wiedervereinigung beobachten: Die Leute heiraten seltener, bekommen zunehmend ohne Trauschein Kinder.57 Prozent bevorzugen zwar noch das klassische Modell mit Vater, Mutter, Kind oder Kindern, aber zwischen 1991 und 1997 hat sich ihre Zahl um rund fünf Prozent verringert.Die Zahl der Alleinerziehenden und Lebensgemeinschaften stieg dagegen auf knapp 16 Prozent.Die Zahl der Ehepaare ohne Kinder hat um 5,5 Prozent zugenommen.Die Folge: In Berlin leben derzeit 31 000 weniger Menschen unter 18 Jahren als noch 1991.Dennoch wird die Hauptstadt - im Gegensatz zum Bundes-Trend - tendenziell jünger, weil in den letzten Jahren viele alte Menschen gestorben sind.

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