Die Atomkatastrophe in Japan : Fukushima. Eine Chronik der Ereignisse

Am 11. März 2011 kam es nach einem Erdbeben und einem Tsunami im japanischen Fukushima zum Super-Gau. Was ist seither geschehen?

Thomas Friederich

11. März 2011: Um 14.46 Uhr (Ortszeit) löst ein Erdbeben mit der Stärke 9,0 vor Japans Küste eine Flutwelle aus. Sie überspült auch die Atomanlage Fukushima I, in der sechs Meiler Strom erzeugen.

12. März: Die Notstromaggregate versagen, die Kühlsysteme funktionieren nicht mehr. Block 1 wird von einer Explosion erschüttert. Die Behörden erklären, eine erhöhte Radioaktivität sei nicht festgestellt worden. Verzweifelt wird versucht die Kernbrennstäbe aus der Luft mit Meerwasser zu kühlen. Eine Wasserstoffexplosion in Reaktorblock 1 lässt das Gebäude teilweise einstürzen.

14. März: Explosionen erschüttern auch die Blöcke 2 und 3 der Anlage. Experten warnen vor der dreifachen Kernschmelze. Kraftwerksbetreiber Tepco spielt mögliche Gesundheitsgefahren herunter. Eine Kernschmelze werde nicht befürchtet.

Explosion im japanischen Kernkraftwerk Fukushima
Explosion im japanischen Kernkraftwerk FukushimaFoto: dpa

16. März: Regierungssprecher Edano spricht. Das K-Wort fällt. Doch es gibt Übersetzungsprobleme, Tagelang herrscht Verwirrung, ob sich die Kernschmelze in Block 1 wirklich ereignet hat.

25. März: Japans Premier Naoto Kan bittet um Verzeihung. Die EU verschärft die Kontrollen für Lebensmittel aus Japan und beschließt einen "Stresstest" für die 143 Atomkraftwerke in der EU

26. März: Tepco spricht von einer zehn Millionen Mal erhöhten Radioaktivität. Tags darauf die peinliche Korrektur. Messfehler - die Radioaktivität sei 10 000fach höher.

Die Atomruine im März 2011
Die Atomruine im März 2011Foto: dpa

28. März: Japans Regierung spricht erstmals von einer Kernschmelze in Block I. Im Boden des Kraftwerksgeländes wird Plutonium entdeckt

30. März: Tepco-Aufsichtsratschef Tsunehisa Katsumata entschuldigt sich.

Aufsichtsratschef Tsunehisa Katsumata von Tepco entschuldigt sich
Aufsichtsratschef Tsunehisa Katsumata von Tepco entschuldigt sichFoto: dpa

31. März: Tepco meldet 10 000-fach erhöhte Strahlenwerte im Wasser unter dem AKW-Gelände.

7. April: Die Region wird von einem Erdstoß der Stärke 7,1 erschüttert.

12. April: Die japanische Regierung stuft das Atomunglück nun offiziell auf der höchsten Gefahrenstufe 7 und damit als so schwerwiegend ein wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

25. April: 25 000 Soldaten beginnen mit einer großen Suchaktion nach Katastrophenopfern. Mehr als 14 300 Tote sind bestätigt, rund 12 000 Menschen werden noch vermisst

2. Mai: Das japanische Parlament plant 33 Milliarden Euro für Wiederaufbau.   

10. Mai  Kurswechsel: Japan verzichtet auf einen weiteren Ausbau der Kernenergie von 30 auf 50 Prozent

17. Mai: Tepco räumt ein, dass die Meiler in Fukushima nicht erst durch die Flutwelle beschädigt worden seien. Bereits das Beben selbst habe den GAU ausgelöst.

20. Mai: Die Tepco-Manager Shimizu und Nishizawa entschuldigen sich. Shimizu tritt zurück.

24. Mai: Tepco erklärt, nicht nur in Block 1 habe sich eine Kernschmelze ereignet, sondern auch in Meiler 2 und 3.

10. Juli: Ein Erdbeben der Stärke 7,3 erschüttert den Nordosten Japans und führt kurzfristig zu einer Tsunami-Warnung in der Region.

25. Juli: Das japanische Parlament bewilligt weitere Mittel in Höhe von fast zwei Billionen Yen (knapp 18 Milliarden Euro) zum Wiederaufbau.

30. August: Nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Naoto Kan wird Yoshihiko Noda zu seinem Nachfolger gewählt.

21. Oktober: Das japanische Kabinett gibt weitere 115 Milliarden Euro für den Wiederaufbau frei.

31. Oktober: Experten veranschlagen für die Stilllegung des Atomkraftwerks Fukushima einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren.

4. November: Die japanische Regierung kündigt eine Finanzhilfe von 900 Milliarden Yen (8,4 Milliarden Euro) für Tepco an.

17. November: Japan stoppt Lieferung von Reis wegen zu hoher Strahlenwerte.

Wegen der radioaktiven Belastung dürfen Bauern ihren Reis nicht mehr ausliefern
Wegen der radioaktiven Belastung dürfen Bauern ihren Reis nicht mehr ausliefernFoto: dpa

16. Dezember: Die japanische Regierung erklärt das Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi für stabil.

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30. Januar 2012: Die japanische Regierung beschließt die Begrenzung der Laufzeit der Atomkraftwerke auf 40 Jahre.

3. Februar: Am Atomkraftwerk Fukushima tritt durch ein Leck an der Wasseraufbereitungsanlage erneut Radioaktivität aus.

5. Juli: Der Abschlussbericht einer unabhängigen Expertenkommission unter dem Vorsitzenden Kiyoshi Kurokawa kommt zu dem Ergebnis. "Es war ein hochgradig menschengemachtes Desaster, es hätte vorhergesehen werden können und verhindert werden müssen.“

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19. März 2013: Nachdem die japanische Regierung versichert hat, dass das Unternehmen Tepco die Lage in dem Atomkraftwerk unter Kontrolle hat, legt ein Stromausfall auf einen Schlag mehrere Kühlsysteme für Abklingbecken abgebrannter Kühlstäbe lahm. Als Ursache für den Stromausfall wird ein Problem an einer Behelfs-Schaltanlage vermutet. Die Zufuhr von Wasser zur Kühlung der beschädigten Reaktoren Nummer 1 bis 3 sei nicht beeinträchtigt worden, versicherte Tepco. In diesen Reaktoren war es in Folge des Erdbebens und Tsunamis vom 11. März 2011 zu Kernschmelzen gekommen.

6. April: "Womöglich" traten bis zu 120 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser aus einem Tank aus, teilt die Betreiberfirma Tepco auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz mit. Das lecke Becken stehe etwa 800 Meter vom Ufer entfernt, es sei deswegen unwahrscheinlich, dass verseuchtes Wasser bis ins Meer gelangt sei.

9. April: Im havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima wird ein neues Leck in einem Lagerbecken für radioaktiv verseuchtes Wasser entdeckt. Dies teilt die nationale Atomregulierungsbehörde am Dienstag mit. Betroffen sei das unterirdisch gelegene Becken Nummer 1, in das verseuchtes Wasser aus dem schadhaften Becken Nummer 2 gepumpt wurde.

11. April: In der havarierten Atomanlage Fukushima tritt erneut schwer radioaktiv verseuchtes Wasser aus. Bei Pumparbeiten an einem undichten unterirdischen Wassertank seien etwa 22 Liter hoch radioaktiv verseuchten Wassers ausgelaufen und im Erdreich versickert, berichtet das Betreiberunternehmen Tepco.

5. Juni: Erneut tritt radioaktiv verseuchtes Wasser aus. Wie die Betreiberfirma Tokyo Electric Power (Tepco) mitteilt, ein Arbeiter bemerkt das Leck an einem Behälter mit radioaktivem Wasser.

9. Juli: Aus einem noch unentdeckten Leck im japanischen Katastrophenreaktor Fukushima geraten radioaktive Stoffe ins Grundwasser. Der Level des mutmaßlich krebserregenden Cäsium-134 sei auf 9.000 Becquerel pro Liter gestiegen, gibt Tepco bekannt. Der zulässige Grenzwert liegt bei 60 Becquerel.

18. Juli: Über einem der havarierten Atomreaktoren steigt aus unbekannter Ursache Dampf auf. "Wir glauben nicht, dass sich eine Notfallsituation entwickelt", meint Tepco. Das Phänomen tritt in den nächsten Tagen mehrfach auf.

22. Juli: Tepco räumt erstmals ein, dass radioaktiv verseuchtes Grundwasser aus der Nähe des Kraftwerks ins Meer gelangt ist. "Wir glauben jetzt, dass radioaktiv belastetes Wasser ins Meer geflossen ist", sagt ein Sprecher der Firma. Zugleich betonte er, dass das verseuchte Wasser nur begrenzte Folgen für den Ozean habe. Die Daten des Meerwassers hätten "keinen ungewöhnlichen Anstieg von Radioaktivität" gezeigt.

5. August: Das radioaktiv verseuchte Grundwasser am japanischen Atomkraftwerk Fukushima hat Behörden zufolge eine unterirdische Barriere überwunden und wird vermutlich ins Meer laufen. Der Wasserspiegel steige mit "einer ziemlich hohen Wahrscheinlichkeit" weiter in Richtung Oberfläche, sagt Shinji Kinjo von der Atomaufsichtsbehörde.

20. August: Am japanischen Unglücksreaktor Fukushima ist laut der Betreiberfirma das bisher größte radioaktive Leck seit der Havarie der Anlage entdeckt worden. Rund 300 Tonnen verseuchtes Wasser seien womöglich aus Auffangtanks ausgetreten, erklärt der Elektrizitätskonzern Tepco. Nahe der Tanks seien an Pfützen Strahlungswerte von 100 Millisievert pro Stunde gemessen worden. Die genaue Lokalisierung des offenbar fortbestehenden Lecks sei noch nicht gelungen.

Die radioaktive Strahlung rund um die kontaminierten Wassertanks steigt unaufhörlich
Die radioaktive Strahlung rund um die kontaminierten Wassertanks steigt unaufhörlichFoto: dpa

4. September: Die radioaktive Strahlung rund um die kontaminierten Wassertanks am japanischen AKW Fukushima steigt unaufhörlich. Sie habe sich um mehr als ein Fünftel auf den neuen Höchstwert von 2200 Millisievert verstärkt, teilte die Atomaufsichtsbehörde in Tokio mit, eine Dosis, die einen ungeschützten Menschen innerhalb weniger Stunden tötet.

8. September: Trotz Fukushima erhält Tokio den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2020.

6. Oktober: Premierminister Shinzo Abe gesteht der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO): "Mein Land braucht Ihr Wissen und Ihre Expertise." Da täglich hunderte Tonnen radioaktives Wasser in den Pazifik und ins Grundwasser laufen und die Kapazitäten für die Lagerung des verstrahlten Kühlwassers rund um die havarierten Reaktoren an seine Grenzen stößt, wolle Japan nun internationale Experten auf das Kraftwerksgelände lassen. Der Schritt ist beachtlich. Im September beteuerte Abe noch, dass in Fukushima "alles unter Kontrolle" sei.

10. Oktober: In der Bucht vor der Atomruine steigt die Belastung mit radioaktivem Cäsium drastisch. Betreiber Tepco vermutet als Ursache, dass radioaktiv verseuchte Erde ins Wasser gefallen sein könnte. Denn an dieser Stelle wird an einer Barriere gearbeitet, die verhindern soll, dass das strahlende Wasser direkt in den Ozean fließt.

25. Oktober: Ein Erdbeben der Stärke 7,1 erschüttert die Region Fukushima. Der befürchtete Tsunami bleibt aus, die Schäden an der Kraftwerksruine sind gering.

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