Politik : Die Augen des Schlächters

Pinochet aus der Nähe – Ex-Minister Blüm erinnert sich

Norbert Blüm

Pinochet ist ein Menschenverächter und –schlächter. Ich habe ihm 1987 in Santiago gegenübergestanden: Auge in Auge. Es waren die kalten Augen eines Zynikers. So stelle ich mir den Großinquisitor vor. Über Leichenberge schreitend und dabei „hehre Ziele“ verkündend. Ob ich nicht Gegner des Kommunismus sei, fragte er mich. „Doch, aber auch Kommunisten sind Menschen. Es gibt auf der ganzen Welt keinen denkbaren Grund, Menschen zu foltern“, antworte ich.

Arrogant, fast gelangweilt hört er sich die Geschichten an, die ich ihm vortrage. Die Qualen der 14 gefolterten und zum Tode verurteilten Chilenen: Auf dem Leib eines frisch geborenen Babys glühende Zigaretten ausdrücken, während es auf dem Bauch der Mutter liegt. Sie, die Mutter, hat alles gestanden, was die Folterknechte hören wollten. Ob er sich etwa auf solche Geständnisse berufen wolle, fragte ich ihn. Er lächelte.

Carmen Gloria, ein Mädchen von 19 Jahren, ist nur noch ein verbranntes, scheinbar fleischloses Gerippe, von dem allein die schönen, großen schwarzen Augen ahnen lassen, welch schöne Frau sie einst war. Pinochet hat sie und ihren Freund bei einer Demonstration mit Benzin überschütten und abfackeln lassen. „Die hat sich selbst angezündet“, zischt er. „So, dann müssen Sie, Herr Präsident, auch noch erklären, wieso Carmen Gloria und ihr Freund 25 Kilometer von Santiago auf einem Acker in einem Loch als Häuflein verbranntes Elend zufällig entdeckt wurden. Sind beide dort hingelaufen?“ 40 Tage kämpfte Carmen um ihr Leben. Ihr Freund verlor diesen Kampf.

„Ausgerechnet ihr Deutschen“, brüllte Pinochet plötzlich. „Ja, gerade deshalb. Sechs Millionen Juden“. „Vier“, korrigierte er mich. „Eine wäre schon eine zu viel.“ Sein Freund Rudel habe ihm immer gesagt, Hitler habe nur einen Fehler gemacht, nämlich, dass er den Krieg nicht gewonnen habe, spottete er. Ich lasse mich nicht von der Leine abbringen, in der ich seine Grausamkeiten aufgereiht habe. Fall für Fall trage ich ihm vor, ab und zu unterbrochen von seinen verbalen Wutanfällen. So geht es hin und her. Plötzlich wird er leise und deutet auf das hinter ihm hängende Kreuz: „Vor dem bete ich jeden Tag“. „Das wird Ihnen auch nicht helfen. Der kennt nämlich jeden, den Sie umgebracht haben – mit Namen und Anschrift.“

Das war der einzige Moment, in dem er aus dem Gleis geriet. Er steht auf, geht mit mir zur Tür und gibt mir schweigend die Hand. Für einen winzigen Augenblick hatte ich den Eindruck, dass er traurig war. Ja, vielleicht, vielleicht haben auch Staatsverbrecher Schrecksekunden, in denen das schlechte Gewissen pocht …, und vielleicht ist die Angst vor einem, der sich zu guter Letzt durch keinen Glanz und keine Macht der Welt von der Frage abbringen lässt: „Was hast du dem geringsten meiner Schwestern und Brüder angetan?!“ doch ein Rettungsanker der Menschenrechte.

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