• Die Auseinandersetungen zwischen Völkern sind nicht mehr ideologischer, sondern kultureller Art (Kommentar)

Politik : Die Auseinandersetungen zwischen Völkern sind nicht mehr ideologischer, sondern kultureller Art (Kommentar)

Tanja Stelzer

Ost-Timor, Aceh, die Molukken: Es ist die Chronologie eines angekündigten Todes. Der Vielvölkerstaat Indonesien bricht auseinander, und auf den ersten Blick scheint es, als könnte sich ein Herr in Harvard von den blutigen Ereignissen in Südostasien bestätigt fühlen. Sieht es nicht aus, als erlebten wir jetzt tatsächlich den Kampf der Kulturen, den Samuel P. Huntington angekündigt hatte? In der Welt nach dem Kalten Krieg, sagt Huntington, sind die Unterscheidungen zwischen Völkern nicht mehr ideologischer, politischer oder ökonomischer, sondern kultureller Art, und das konfrontiert uns mit einer neuen und zugleich sehr alten Art von Konflikten.

Wir haben es auf dem Balkan erlebt, und außer auf den Molukken können wir es zurzeit in Russland beobachten: Vielvölkerstaaten haben keine Konjunktur. Die Weltgeschichte, so scheint es, tritt den Beweis an, dass das friedliche Zusammenleben mehrerer Nationen in einem Staat unmöglich ist. Indem sich nun kleine Völker und Volksgruppen auf ihre kulturellen Wurzeln berufen, feiert die Irrationalität in der Politik eine Renaissance, und das scheint uns so fatal an dieser Entwicklung: Wir haben das Gefühl, dass wir wenig dagegen tun können.

Man sollte dabei nicht vergessen: Kultur entsteht in einem langen Prozess, sie ist deshalb aber nicht unveränderbar, sondern sie entwickelt sich weiter durch äußere Faktoren. Auch eine Kultur, eine Nation will sich erst einmal ihrer selbst bewusst werden, will erst einmal auf die Idee kommen, dass sie einen eigenen Staat haben will. Auf den Molukken zum Beispiel hat daran jahrzehntelang niemand gedacht, sie galten sogar als Vorzeigeobjekt des Suharto-Regimes für das friedliche Miteinander der Angehörigen verschiedener Religionen. Was bringt die Christen und Moslems auf den Molukken also jetzt dazu, ihren Vertrag über Respekt und Toleranz aufzukündigen? Solange Indonesien seinen Einwohnern wirtschaftlich etwas zu bieten hatte, solange die politischen Strukturen klar (wenn auch nicht wirklich demokratisch) waren, wäre ihnen das nicht eingefallen.

Vielvölkerstaaten können leicht überleben, wenn eine funktionierende Unterdrückungsmaschine die Unterschiede zwischen den Kulturen eindämmt. Trotzdem muss es nicht unbedingt die Kultur sein, die diese Konglomerate in die Krise stürzt. Denn bei näherem Hinsehen geht es bei diesen Konflikten immer auch um Fragen, die mit Kultur wenig zu tun haben - wenn Menschen mit der Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Wirklichkeit überfordert sind, lassen sie sich gern einreden, dass ihnen der Rückzug auf ihre Kultur jene Sicherheit geben kann, die sie vermissen. Das ist vor allem der Fall, wenn ihnen - wie im Kaukasus - lange Zeit das Recht verwehrt wurde, sich überhaupt zu ihrer kulturellen Identität zu bekennen. Nicht selten lassen sich die Menschen unter diesen Bedingungen auch für die Interessen anderer einspannen - wenn die Molukken sich nur ausdauernd genug bekämpfen, hat die Armee das denkbar beste Argument, eine starke Position im neuen Indonesien für sich zu reklamieren. Das Militär hatte seine Machtkämpfe mit der Politik bereits in Ost-Timor geführt. Auch Milosevic versteht sich darauf, Kultur zu instrumentalisieren. Und gerade weil es echte Gefühle sind, mit denen er sein Spiel treibt, hat er es damit so leicht.

Wollte die internationale Gemeinschaft aber jeder kulturellen Gruppe einen eigenen Staat geben, wollte sie, dass ethnische und politische Grenzen deckungsgleich werden, wäre sie damit schnell überfordert. Die Weltkarte wäre innerhalb kürzester Zeit ein Flickenteppich, und alle Ansprüche ließen sich ohnehin nicht befriedigen, weil viele Nationen im Lauf der Geschichte über den Globus versprengt wurden. Im Zeitalter der Globalisierung ist der Nationalismus ohnehin ein hoffnungslos altmodisches Modell.

Nun aber sind die bösen Geister gerufen: Ein Nationalbewusstsein, das meint, sich nur durch Auftrumpfen beweisen zu können, wird nicht so schnell wieder verschwinden. Ist diese aggressive Form des Nationalismus erst einmal da, wird man sie kaum wieder los. China, der letzte Vielvölkerstaat, der noch keine gravierenden Zerfallserscheinungen aufweist, sollte wachsam sein.

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