Politik : Die Balkan-Krise: "Das wird jetzt eine Art heiliger Krieg"

Brian Murphy

Die mazedonischen Truppen in Tetovo haben am Wochenende ihre Angriffe auf die bewaldeten Berge über der Stadt verstärkt. Dort haben sich die albanischen Kämpfer der "Nationalen Befreiungsarmee" (UCK) verschanzt, die sich zwei Jahre nach Beginn des Kosovo-Kriegs jetzt in Mazedonien erhoben haben. Doch die Feuerkraft der Regierungskräfte scheint kaum etwas gegen die stärkste Waffe der Albaner ausrichten zu können: die wachsende Unterstützung in der albanischen Bevölkerung. "Ich bin zum Kampf bereit", sagt der 33-jährige Gani Selman nach dem Aufruf der UCK "an alle dazu fähigen Bürger, zu den Waffen zu greifen". Selman hat dies von Freunden in der Hauptstadt Skopje gehört, da die Behörden die Verbreitung der albanischen Medien in der Umgebung von Tetovo gestoppt haben. "Wir können diese Chance nicht versäumen", sagt er.

Die kriegerische Stimmung findet auch bei albanischen Intellektuellen Anklang, die jetzt im bewaffneten Aufstand die einzige Möglichkeit sehen, ein System zu überwinden, das nach ihrer Auffassung die anhaltende Diskriminierung der Albaner in Mazedonien festschreibt - das sind mindestens ein Viertel der zwei Millionen Einwohner. "Wir würden ja eine internationale Vermittlung begrüßen", sagt der Rektor der Universität von Tetovo, Fadil Sulejmani. "Aber ich fürchte, uns läuft die Zeit davon. Dies wird jetzt eine Art Heiliger Krieg."

Die vor sieben Jahren gegründete Universität Tetovo gilt als Zentrum des Widerstands gegen die Regierung in Skopje, die an den staatlichen Hochschulen keinen Unterricht in albanischer Sprache erlaubt. Die Universität unterrichtete ihre Studenten lange im Untergrund, bis im vergangenen Jahr eine Vereinbarung zum Bau eines neuen Universitätsgebäudes mit Unterstützung der EU und der USA erzielt wurde.

Die Unterstützung der Rebellen durch die Universität von Tetovo könnte auch andere albanische Institutionen dazu bringen, sich auf die Seite der UCK zu stellen - und gegen die Demokratische Partei von Arben Xhaferi, die an der Zentralregierung beteiligt ist und zum friedlichen Dialog aufgerufen hat. Auch sind Überläufer aus den Reihen der Streitkräfte und der Polizei möglich.

In Tetovo sucht der Krieg jetzt die einzige der ehemals zu Jugoslawien gehörenden Republiken heim, die sich friedlich von Belgrad lösen konnten. Hinter Sandsäcken verschanzt feuern Scharfschützen auf vermutete Stellungen der Rebellen. Vor Banken, Tankstellen und der Post haben Spezialeinheiten Stellung bezogen. Bislang gibt es aber keine Anzeichen dafür, dass die Rebellen Teile der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht haben. Die meisten Bewohner haben schnell gelernt, ihren Alltag der neuen Lage anzupassen. In einem Cafe werden die Gäste mit Ferngläsern versorgt, damit sie gleichzeitig Kaffee trinken und die Gefechte besser beobachten können.

Nur für die mazedonischen Flüchtlinge aus Tetovo hat sich alles verändert. "Ich kann nicht verstehen, dass ich gehen muss, nachdem ich 33 Jahre mit den Albanern zusammengelebt habe", sagt Snezana Avramovska. Bei der Gründungsfeier der Universität Tetovo im Februar sagte Ministerpräsident Ljubco Georgievski, die Hochschule sei ein Test für das Vertrauen zwischen Mazedoniern und Albanern. Kaum jemand hätte gedacht, dass Tetovo so bald durch die Prüfung fallen würde.

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