Politik : Die Balkan-Krise: Mazedonien erwägt Verhängung des Notstands

Angesichts der Offensive albanischer Rebellen hat die mazedonische Regierung vor einer dramatischen Verschärfung des Balkan-Konflikts gewarnt. Mazedonien werde von "ausgebildeten Terroristen" aus dem Kosovo "überflutet", warnte Innenministerin Dosta Dimovska am Donnerstag. Die Rebellen der Nationalen Befreiungsarmee UCK legten es darauf an, die internationale Gemeinschaft in den Konflikt hineinzuziehen, sagte ein führender Vertreter der mitregierenden Liberalen Partei, Vlado Popovski. Die Regierung wollte noch am Donnerstag in einer Krisensitzung über Notstandsmaßnahmen verhandeln. In Tetovo wurden bei neuen Gefechten zwischen UCK-Rebellen und Sicherheitskräften zwei Menschen verletzt. Mazedonische Familien flohen aus der umkämpften Stadt.

Dimovska sagte weiter, die Albanerrebellen rekrutierten ihre Freischärler aus den Reihen der offiziell aufgelösten Kosovo-Befreiungsarmee UCK, die die Nato bereits vor zwei Jahren in ihren blutigen Konflikt mit der jugoslawischen Regierung von Slobodan Milosevic hineingezogen habe. Ziel der Rebellen sei es, mazedonisches Territorium und die Grenze zum Kosovo zu "besetzen". Popovski schätzte die Zahl der Rebellen auf bis zu 700. Mit ihrem Angriff auf das mehrheitlich von Albanern bewohnte Tetovo hatten die Rebellen ihre Kämpfe am Mittwoch erstmals auf eine Großstadt im mazedonischen Kernland ausgeweitet. Dabei war ein albanischstämmiger Zivilist von den Freischärlern getötet worden. 17 Menschen wurden verletzt, darunter auch 15 Polizisten.

Die Gefechte in Tetovo gingen auch am Donnerstag weiter. Wie das mazedonische Staatsradio meldete, erlitten zwei Einwohner im Vorort Kale Schussverletzungen. Nach Angaben eines AFP-Reporters vor Ort rückten die Freischärler aus den umliegenden Bergen erstmals direkt in ein Wohnviertel vor. Christlich-orthodoxe Bewohner schätzten die Situation in Tetovo als "sehr schlecht" ein. Viele Frauen und Kinder seien aus der 200 000-Einwohner-Stadt geflohen. Vier Fünftel der Bewohner von Tetovo sind Albaner moslemischen Glaubens. Nach Einschätzung der Nato hat die Regierung in Skopje die Lage jedoch unter Kontrolle.

Ministerpräsident Ljubco Georgijevski hatte am Mittwochabend nach einem Dringlichkeitstreffen mit Präsident Boris Trajkovski die Verhängung von "Sondermaßnahmen" erwogen. Über das weitere Vorgehen werde sein Kabinett beraten. Georgijevski warf den Albanerrebellen ein "Spiel mit dem Feuer" vor. Offensichtlich müsse sich das Land langfristig auf "politischen Terrorismus" gefasst machen. Trajkovski forderte ein "energisches Vorgehen" der NATO-geführten KFOR-Friedenstruppe im Kosovo gegen die albanischen Rebellen.

Der serbische Vize-Ministerpräsident Nebojsa Covic kündigte unterdessen an, Belgrad werde Panzer und schweres Geschütz aus der direkten Umgebung der Pufferzone zwischen Südserbien und dem Kosovo abziehen. Ein von der Nato überwachtes Abkommen zur Befriedung Südserbiens sieht dies vor. Am Mittwoch waren jugoslawische Truppen erstmals seit Ende des Kosovo-Kriegs wieder in die Sicherheitszone eingezogen. Albanische Rebellen hatten sich dort monatelange Gefechte mit serbischen Sicherheitskräften geliefert. Seit einem Waffenstillstandsabkommen vom Montag ist die Lage ruhig.

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