Politik : Die Berliner Ermittler

Lorenz Maroldt

Ein Verschwörungsgerücht macht die Runde, und es geht so: Am Tag nach dem Absturz von Jürgen Möllemann beschließen Berliner Justizkreise, mit Hilfe finsterer Unterweltgestalten Friedman fertig zu machen. Ihr Motiv: Geistesnähe zu Möllemans Ressentimentpolitik und Rachegelüste gegenüber dessen größtem Feind. Auffällig ist die zeitliche Nähe beider Ereignisse. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen die Menschenhändlerbande ist Friedmans Name bereits vor Monaten aufgetaucht, und unter Drogenverdacht stand er mehrfach. Warum der Vorstoß jetzt?

Genährt wird das Geraune zusätzlich durch die Nähe einiger bekannter Staatsanwälte und Kriminalisten zur Berliner FDP, besonders der Spandauer FDP. Hier hatte sich in den neunziger Jahren ein Kreis gebildet, der als nationalkonservativ bezeichnet wurde und zuweilen offen neidisch zu Haider nach Österreich blickte. Der frühere Generalbundesanwalt Alexander von Stahl zum Beispiel. Die meisten Juristen waren indes vor allem enttäuscht über die ihrer Ansicht nach zu lasche Haltung der Politik gegenüber Straftätern. Zudem hatten die meisten Ermittler nichts mit der organisierten Kriminalität zu tun, sondern mit politischen Sachen und Verfahren im Zusammenhang mit der deutschen Vereinigung.

Die drei Staatsanwälte, die jetzt in Sachen Friedman aktiv wurden, haben mit der FDP allerdings, so weit bekannt, nichts zu tun. Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Fätkinheuer ist international bekannt als Mafia-Ermittler und in Berlin besonders wegen der Antes-Affäre, ein Korruptionsverfahren, das im Dunstkreis von CDU und FDP spielte; Freunde hat er sich hier nicht gemacht. Fätkinheuer empört sich über Gerüchte, im Fall Friedman sei irgendetwas faul. Das sei absurd und schmerze ihn.

Seine Kollegen, die Staatsanwälte Christina Leister und Thorsten Cloidt, waren bisher recht unauffällig. Leister hat im vergangenen Jahr beim feministischen Juristinnentag in Dortmund eine Rede über „Menschenhandelsverfahren – wo bleiben die Lebensvorstellungen der gehandelten Frauen“ referiert, ein Thema, das den Fall Friedman immerhin berührt. Cloidt, der Schach spielt beim SC Zitadelle Spandau in der zweiten Mannschaft, bei der dortigen FDP allerdings unbekannt ist, hat im vergangenen Jahr unter anderem gegen einen Dealer ermittelt, der Ecstasy und Marihuana an einen Polizeiobermeister verkaufte.

Abteilungsleiter Fätkinheuer war an den entscheidenden Tagen im Fall Friedman, kurz nach Möllemanns Absturz, übrigens nicht im Dienst. Gehandelt hat sein Stellvertreter, Thorsten Cloidt. Generalstaatsanwalt Hansjürgen Karge, der sich – selbst ein Hesse – bei seinen Frankfurter Kollegen entschuldigt hat, sie nicht vorab über die Durchsuchung informiert zu haben, steht der SPD nahe. Justizsenatorin Karin Schubert, die der SPD angehört, war ebenfalls nicht einbezogen worden.

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