Politik : „Die beste Frau, auch unter Männern“

Spitzengremien der NRW-SPD stimmen geschlossen für Hannelore Kraft

Jürgen Zurheide[Bochum]

Mit so viel Unterstützung hatte selbst die Kandidatin nicht gerechnet. Noch während der Herr Vorsitzende davon sprach, die „weit überwiegende Mehrheit“ wünsche sich Hannelore Kraft als neue Chefin der nordrhein-westfälischen SPD, regte sich Widerstand im Kreise der Parteiratsmitglieder. „Wieso weit überwiegend, wir sind doch geschlossen dafür“, schallt es ihm von den Basisvertretern zurück – und Bernd Faulenbach verstand sofort. Obwohl das einstimmige Votum des Parteivorstandes ausgereicht und der Parteirat formal gesehen nicht hätte abstimmen müssen, bat der Mann um das Handzeichen: Alle Teilnehmer sprachen sich für die Fraktionschefin Hannelore Kraft aus. Sie soll nicht nur Nachfolgerin von Jochen Dieckmann im Parteiamt werden, das Gremium kürte die 45-Jährige auch gleich zur Herausforderin von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). „Ab jetzt ist Wahlkampf“, freute sich Frank Baranowski, der Gelsenkirchener Oberbürgermeister und einer der wenigen verbliebenen Hoffnungsträger in der nordrhein-westfälischen SPD.

Mit diesem Satz traf er die Stimmung an diesem Wochenende. Zogen die Genossinnen und Genossen in den vergangenen Monaten eher mit herabhängenden Mundwinkeln durch das Land, spüren sie mit einem Male wieder Angriffslust. Nach einer kurzen Schrecksekunde haben sie zu Wochenbeginn die Chance genutzt, die sich durch den plötzlichen Rückzug von Jochen Dieckmann bot: Sie lamentierten nicht über den Abgang des Vormannes, sondern entschieden sich für einen Aufbruch. „Wir haben die Gunst der Stunde genutzt“, heißt das in den Worten von Norbert Römer, des Vorsitzenden des immer noch einflussreichen Bezirkes Westliches Westfalen. Im Eilzugtempo haben sie sowohl den Parteivorstand als auch den Parteirat nach Bochum eingeladen; übrigens ins Jahrhunderthaus der IG Metall, was mehr als Symbolwirkung hat. „Wir rücken wieder näher an die Gewerkschaften“, gaben sie damit als neue Parole aus.

Gewählt werden soll die designierte Vorsitzende bei einem Parteitag am 20. Januar in Bochum. Die Debatten im Vorstand und im Parteirat zeigten rasch: die Entscheidung für Hannelore Kraft ist einmütig. Die Fraktionschefin hat in den zurückliegenden 18 Oppositionsmonaten gezeigt, dass sie Rüttgers attackieren und aus der Reserve locken kann. Seit sie ihren scharfen Ton etwas gezielter einsetzt und es nicht mehr darauf anlegt, ihrem Spitznamen als „Kratzbürste aus dem Revier“ alle Ehre zu erweisen, ist sie die unangefochtene Nummer Eins bei den Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr.

Wie sehr sie in diese Rolle hineingewachsen ist, zeigt ein Satz des aus der Politik scheidenden Jochen Dieckmann. „Hannelore Kraft ist die beste Frau für dieses Amt, auch unter Männern“, ruft er ihr zu und an dieser Stelle lächelt die designierte Vorsitzende. Mit ihrer kraftvollen Art hatte sie sich nicht nur Freunde gemacht, das weiß sie – auf der anderen Seite trauen ihr die Parteifreunde genau deswegen zu, Rüttgers aus der Reserve zu locken.

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