Politik : Die bigotte Republik

GYSIS RÜCKTRITT

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Von Bernd Ulrich

Immer schneller steigert sich das Land in eine Atmosphäre von moralischer Überhitzung und verschärfter Bigotterie, wie man sie zuletzt in den USA, beim Monica-Gate, erlebt hat. Erst musste Rudolf Scharping wegen seiner Verbindung zu einem PR-Mann gehen, dann traf es den grünen Promi Cem Özdemir, der von Hunzinger einen billigen Kredit annahm. Und auch noch dienstliche Bonusmeilen privat verflogen hat. Jetzt, bei Gregor Gysi, reichen allein schon die Rabattmeilen, seine politische Karriere zu beenden. Die Schwelle zum Rücktritt sinkt nahe Null. Dafür steigt die Fallhöhe derer, die da stürzen.

Wenn das so weitergeht, werden wir Massenrücktritte deutscher Spitzenpolitiker erleben – nur weil viele, zu viele, die Einladung der Lufthansa angenommen haben, private und dienstliche Reisen zu vermischen. Wer stoppt diesen Irrsinn, dieses Prinzip: Höchststrafe für Mindestvergehen?

Gregor Gysi jedenfalls nicht. Der PDS-Mann ist Opfer exzessiver Politikverdrossenheit geworden. Und hat doch im Weggehen selbst noch einmal den Moralismus befeuert, dessen Opfer er wurde. Sein Abschiedsbrief ist eine unangenehme Mischung aus Sozialismus, Pietismus und gruppentherapeutischem Gerede: „Ich fürchte mich vor meiner eigenen Persönlichkeitsveränderung“, schreibt er und lässt vor lauter Furcht alle Verantwortung hinter sich. Ein Hauch von Lafontaine weht durchs Land.

Aber selbstgerechte Selbstgeißelung genügt Gysi nicht. Wortreich bedauert er, „dass ich begonnen habe, Privilegien als Selbstverständlichkeit hinzunehmen“. Nun war Gysi Zeit seines Lebens privilegiert, als Sohn und als SED-treuer Anwalt in der DDR. Und dann, im vereinigten Deutschland, erhielt er sogleich das größte Privileg, das diese Gesellschaft zu vergeben hat: Er wurde ein Medienstar. Doch erst jetzt, wegen ein paar erschlichener Meilen, fällt ihm auf, dass ihm Privilegien zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Das ist genau die Art von Geständnis, die eine moralisch überspannte Öffentlichkeit braucht.

Doch damit nicht genug: Wenn Gysi schon mit einem Finger auf sich zeigt, dann auch mit vieren auf alle anderen. Kritik und Selbstkritik – da kennt er sich aus. Sein Brief soll sagen: Ich wollte nie so sein wie die da, die anderen Politiker, und jetzt bin ich es doch geworden. Und gehe. Aber die anderen bleiben. Auf sie mit Gebrüll!

Wenn ein Gysi wegen fast nichts zurücktritt, dann müssen doch fast alle wegen des gleichen Nichts erst recht zurücktreten. Oder? Selbst wenn nicht, diese Zurücktreterei führt so oder so zu einer fulminanten Bestätigung der selten geschriebenen, öfter gesprochenen und stets gefühlten These: „Wir 80 Millionen kleinen Leute arbeiten uns Tag für Tag krumm und buckelig, während sich die Politiker da oben die Taschen vollstopfen und Highlife machen.“ Diese Einstellung führt zu einer beinahe flächendeckenden Reformverweigerung, weil es Reformen ohne Einschnitte nicht gibt und Einschnitte bei uns hier unten nicht legitim sind, solange die da oben es sich gut gehen lassen. Diese moraline Mär vom armen kleinen Volk und den bösen Politikern hat der Salonsozialist Gysi eifrig verbreitet. Im Weggehen hat er sie noch einmal effektvoll verstärkt.

Trotzdem ist nicht er verantwortlich für die erhitzte Miles&Moral-Debatte. Zum Teil sind es die Medien, also wir. Und es ist die Politik, die sich wenig Großes vornimmt und sich darum umso leichter an solchen Kleinigkeiten zermürbt. So passt alles zusammen: Das Land stagniert ökonomisch und politisch, dafür expandiert es moralisch. Zeit für eine Abkühlung.

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