Politik : „Die Bilder wird man nie wieder los“

Mein Schlüsselerlebnis im Einsatz war der Karfreitag 2010. Der Tag, an dem drei unserer Kameraden in einem schweren Gefecht fielen. Der erste Soldat starb um die Mittagszeit. Von da an lief die Zeit nicht mehr in Form von Stunden ab, sondern wie ein durchlaufender Film. Mein Kompanietruppführer kam mir von den Schockräumen des Feldlazaretts entgegen und gab mir die halbe Erkennungsmarke des Gefallenen. Dieses Bild hat sich bei mir eingebrannt. Es war eine Situation, die man sonst nur aus Filmen kannte. Und plötzlich erlebte ich das live mit. Das waren Sekunden der Sprachlosigkeit. Später musste ich die Gefallenen dann einsargen.

Am Karsamstag habe ich mich gefragt, wie ich mit diesen Bildern überhaupt zurechtkommen soll. Ich wusste aber aus den Einsätzen davor, dass es ganz wichtig ist, Bilder zuzulassen. Mir war auch klar, dass man sie nie wieder los wird. Das ist wie mit Erinnerungen aus der Kindheit. Das kommt immer wieder. Zwei Wochen später kam der nächste Schlag. Eines unserer Fahrzeuge geriet in eine Sprengfalle, und wieder kamen Soldaten ums Leben.

Als ich nach Deutschland zurückkam, fiel es mir schwer, mit Außenstehenden über meine Erlebnisse zu sprechen. Das ging vielen so. Besonders die Karfreitagsgefechte hatten uns ja schon während des gesamten Einsatzes begleitet. Nach der Rückkehr wollten wir endlich damit abschließen und wieder zu Hause ankommen. Wir wollten über Sachen reden, die während unserer Abwesenheit in Deutschland passiert waren, und nicht immer wieder über jedes Detail des Karfreitags. Doch der hat uns auch hier verfolgt. Die Presse hat sich weiter viele Monate dafür interessiert.

Der Karfreitag hat aber auch die öffentliche Wahrnehmung der Einsätze verändert. Die Leute wissen seither, dass sich deutsche Soldaten in Afghanistan extremen Situationen stellen müssen. Der Rückhalt für die Soldaten in der Gesellschaft ist dadurch immens gewachsen. Und die Nachfragen sind überlegter. Doch diese Fragen werden inzwischen wieder weniger, wahrscheinlich, weil Afghanistan nun nicht mehr so im Fokus steht.

Ich denke, wir Soldaten müssen selbst die Öffentlichkeit suchen und unser Inneres nach außen kehren, um Verständnis für uns zu wecken. Oft wird das so dargestellt, als würden wir der Anerkennung der Bevölkerung hinterherrennen. Aber darum geht es uns gar nicht. Ich will keinen Orden und will auch nicht bejubelt werden. Die Bevölkerung soll aber wissen, warum ich da unten bin, und sie soll einigermaßen damit im Einklang sein.

Trotz der schrecklichen Ereignisse sind die Einsätze genau das, was mir an diesem Beruf so gefällt. Der Umgang mit den Kameraden ist im Einsatz wesentlich intensiver, denn man ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche zusammen. Und es ist ein tolles Gefühl zu sehen, wie Untergebene Strapazen überstehen und gestärkt daraus hervorgehen. Schon 2001 in Bosnien mussten wir als Soldaten ein Elend ertragen, das wir so vorher gar nicht kannten. Da waren Menschen Dinge angetan worden, die man nur aus Geschichtsbüchern kannte. Tatsächlich ist das aber in der Gegenwart in unserer unmittelbaren Nachbarschaft geschehen. Vielen Soldaten hat das sehr zu schaffen gemacht. Am Ende des Einsatzes sind die meisten aber charakterlich gestärkt nach Hause gefahren. Am Karfreitag habe ich dann zum ersten Mal als militärischer Führer beobachtet, wie junge Menschen über sich hinauswachsen. Ich selbst bin durch die Einsatz-Erfahrungen ruhiger und überlegter geworden. Ich lebe jetzt bewusster und versuche, die Zeit mit der Familie intensiver zu verbringen. Ich habe erlebt, dass das Leben von heute auf morgen zu Ende sein kann.

Severin Jaacks, geboren 1971 in Wahlstedt/Schleswig-Holstein, Stabsfeldwebel. Severin Jaacks verkörpert in ganz besonderer Weise den Wandel der Bundeswehr hin zu einer Einsatzarmee. Bevor er 2010 nach Afghanistan ging, absolvierte er in Deutschland ein Praktikum bei einem Bestatter. Dass er die dort erlernten Fähigkeiten schon wenige Wochen nach Beginn des Einsatzes anwenden würde, hätte er dennoch nicht gedacht. Er bereitete mit anderen Kameraden der Kompanie die drei Toten der schweren Gefechte vom Karfreitag 2010 für den Rücktransport nach Deutschland vor. Jaacks ist seit 1990 bei der Bundeswehr. Der gelernte Maschinenschlosser begann seine Laufbahn als Panzergrenadier. Heute ist er Kompaniefeldwebel in der Fallschirmjägerkaserne in Seedorf, das heißt, er ist der Vorgesetzte aller Mannschaften und Unteroffiziere seiner Einheit. Insgesamt war er viermal im Einsatz: 2001 als Patrouillenführer in Bosnien, 2004 ebenfalls als Patrouillenführer in Kabul/Afghanistan. 2010 ging er gleich zweimal nach Kundus/Afghanistan. Einem viereinhalbmonatigen Einsatz im Frühjahr folgten ab Ende 2010 weitere viereinhalb Monate als Kompaniefeldwebel einer Sanitätskompanie.

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