Politik : Die Botschaft der Gewalt

Terrorismus ist eine Kommunikationsstrategie, die auf das große Publikum zielt

Michael Schmidt

Berlin - Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Zumal im Angesicht eines stets steigenden Informationsflutpegels. Zu den Wettbewerbern im Kampf um die kostbare Ressource gehören nach Auffassung des Gewaltforschers Peter Waldmann auch die Terroristen. „Terrorismus ist eine Kommunikationsstrategie“, sagt der emeritierte Soziologe. Die Botschaft sei, verkürzt gesagt: „Wir sind hier, mit uns ist zu rechnen, passt lieber auf!“

Was den Terror von anderen gewalttätigen Auseinandersetzungen unterscheide, sei, sagt Waldmann, dass es sich um eine „Dreierkonstellation aus Gewalttäter, Gewaltopfer und Öffentlichkeit“ handle. Die Opfer eines Anschlags seien in gewissem Sinne gar nicht gemeint, „sie sind uninteressant für die Attentäter“, sagt Waldmann. Wie die Anarchisten des 19. Jahrhunderts mit ihrer „Propaganda der Tat“ zielten moderne Terroristen vielmehr eigentlich auf das ganz große Publikum. Nicht die physische Zerstörung, die er anrichte, mache einen Terrorakt zum „Erfolg“, sondern die psychologische Wirkung, die von ihm ausgehe. Terroristen wollen keinen Raum, sie wollen das Denken besetzen. Im Kalkül der Attentäter kommt Journalisten daher als unfreiwilligen Akteuren eine bedeutende Rolle zu – ihre Berichterstattung ist es, die dem Terror den Sauerstoff der Publizität liefert, ihre Nachrichten sind es, die wie Marschflugkörper in die Köpfe der Menschen eindringen und dort die erwünschte Wirkung entfalten sollen: Angst und Schrecken verbreiten, die Gefolgschaft mobilisieren und das eigene Anliegen auf die Bühne der Weltpolitik schießen.

Das war es, was Peter Sloterdijk im Sinn hatte, als er die Medien vor einer „Komplizenschaft“ mit dem Terrorismus warnte. Sie könnten mit dem Transport von Schreckensmeldungen zum „Dealer der Terroristen“ werden, warnte der Philosoph. Seinem Plädoyer für eine „Quarantäne“ der Informationen wollte allerdings kein Medienschaffender folgen. Und so stellt sich mit Blick auf den Terror als Botschaft für Peter Waldmann weiterhin die Frage: Wer sendet an wen was auf welchem Weg mit welchem Erfolg?

Hauptadressaten, sagt Waldmann, sind Feinde, Freunde, Rivalen und Öffentlichkeit. Transportiert wird die Botschaft so, dass sie möglichst alle erreicht: nicht zuletzt auch mit der Verbreitung von Tonband- und Videobotschaften zunächst über CNN, später über den arabischen Nachrichtenkanal Al Dschasira und in jüngerer Zeit bevorzugt via Internet.

Die erklärten Feinde – für den aktuellen religiös-weltanschaulich motivierten Terrorismus der Dschihadisten sind das „der Westen, die Juden und Kreuzfahrer“, für sozialrevolutionäre Terroristen früherer Tage Vertreter des „faschistischen Staats“ und der Wirtschaft – wolle man zu repressiven Überreaktionen provozieren, ihn zermürben oder zum politischen Dialog zwingen, führt Waldmann aus. Den Freunden, Unterstützern und Sympathisanten wolle man zeigen: „Wir sind erfolgreich im Kampf für unsere Sache, die eine gerechte ist; wir vertreten euch, wir bringen Opfer für euch, also haltet durch und gebt nicht auf.“ Den Rivalen, anderen Gruppen also, die um Unterstützung und Aufmerksamkeit bei denselben sozialen und religiösen Schichten werben, liefere man den Beweis eigener Stärke, Überlegenheit und Opferbereitschaft. Gegenüber der nationalen wie internationalen Öffentlichkeit schließlich setze man vor allem auf die Schockwirkung eines Anschlags, die verbunden sei mit der Drohung: „Seht: Euer Staat kann euch nicht schützen; wer sich gegen uns stellt, muss mit Strafe rechnen, denn wir können jeden erreichen, jederzeit und überall.“

Ob die Botschaften ihren Zweck erfüllen? Ja und nein, sagt Waldmann. Ja – Terror schaffe Aufmerksamkeit. Ja – Anschläge versetzten Bürger in Angst und Schrecken. Ob aber der gewünschte Sozialisierungs-, Rekrutierungs- und Nachahmungseffekt im gewünschten Maße eintrete, das müsse mit einem großen Fragezeichen versehen werden, sagt Waldmann. Ein Problem bleibe der Gegenseite gleichwohl erhalten: Wenn Terrorismus zumindest auch ein Kampf um Köpfe und Ideen ist, dann lässt er sich nicht mit Militär und Polizei bekämpfen, sondern nur mit besseren Ideen.

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