Politik : Die CDU muss das ganze Erbe Kohls annehmen - die Meriten und die Malaisen (Kommentar)

Stephan-Andreas Casdorff

Thomas von Aquin, Lehrer der Christen, entfaltete im 13. Jahrhundert seine Tugendethik. Kurz gefasst: In seinem Werk haben Tugenden den Charakter eines Habitus, eines guten Gehabes. Er führte eine Rangordnung der Tugenden ein, die sich aus der Nähe zur Vernunft ergibt. Den vornehmsten Rang hat die Klugheit. Ihr folgen Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Klugheit wiederum ist nicht mit bloßer Intelligenz gleichzusetzen, sie besteht in der Fähigkeit, vernünftig zu handeln und kompetent über ethische Sachverhalte zu urteilen. Mit diesem Rüstzeug schauen wir jetzt auf die Christlich-Demokratische Union dieser Tage. Und auf Helmut Kohl, ihren Ehrenvorsitzenden.

Es war nicht klug von Kohl, im Bundestag ans Mikrofon zu treten, um seinem Zorn wegen der Vorhaltungen in der Parteispendenaffäre freien Lauf zu lassen. Kohl zeigte, wie getroffen er ist, zugleich aber - in der Art seiner herrischen Rede - eine falsche Selbsteinschätzung. Er ist nicht mehr der Bundeskanzler, nicht mehr der CDU-Vorsitzende, der anweisen könnte, wohl aber derjenige, der sich zur Verantwortung in seiner Zeit bekennen müsste. Genau das tut Kohl nicht.

Es war nicht klug von der CDU, Kohl im Bundestag reden zu lassen. Niemand hat versucht, ihn davon abzuhalten. Abzuhalten davon, dass er, den sie auf ein Denkmal gehoben haben, an dessen Mythos die neue Führung über ein Jahr lang kräftig mitgewirkt hat, um ihn aus den notwendigen tagespolitischen Diskussionen herauszuhalten, dass also Kohl sich in die "Couloirs" begeben hat, wie er sagen würde: Nun ist er wieder in den Niederungen der Tagespolitik.

Ungerecht und nicht tapfer handelt Kohl, wenn er Walther Leisler Kiep allein stehen lässt. Kiep war zwanzig Jahre lang für alles Mögliche gut genug, nun soll er für alles Schlechte allein verantwortlich sein? Das ist ein Fall selektiver Wahrnehmung. Kohl hat das Maß verloren, auch das Maß für sein Verhalten. Er beschimpft, anstatt zu erklären: dass eine Partei viele Konten haben darf, aber keine, über die schwarzes Geld läuft. Er empört sich, anstatt zum Kern der Empörung zu kommen, zum Beispiel auf diese Frage: Ob er als CDU-Chef vielleicht nicht akzeptieren mochte, dass jenes Parteien-Finanzierungsgesetz nach der Flick-Affäre seinen Spielraum eingrenzte. Kohls Gehabe, so wie es geschildert wird, lässt das vermuten. Nun zweifelt sogar seine Partei.

Ein Jahr lang haben sie in der CDU vermieden, die große Hinterlassenschaft der Ära Kohl zum Anlass einer grundlegenden Betrachtung, ja Auseinandersetzung zu nehmen. Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf, aber jetzt auch Volker Rühe und Angela Merkel, allesamt Generalsekretäre der CDU, belegen mit ihren Äußerungen, dass die erste Phase dieses Prozesses begonnen hat: Sie distanzieren sich. Die nächste Phase ist in ihren Reden bereits angelegt, kaum verhüllt in Forderungen wie der nach "vollständiger Aufklärung" und "Übernahme der politischen Verantwortung". Jetzt also reden sie öffentlich in Richtung Helmut Kohl, und darin liegt der Qualitätsunterschied: In diesem fast vergangenen Jahr haben alle gesagt, dass Kohl schuld war an der CDU-Niederlage - nur hat es keiner Kohl gesagt. Und allein Wolfgang Schäuble hatte es ihm vorher gesagt.

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