Die CDU nach der NRW-Wahl : Jetzt bloß Kurs halten

Die CDU freut sich und feiert – und kämpft sogar ein bisschen gegen Übermut: Sie will in Ruhe und Einigkeit den Erfolgskurs im Bundestagswahlkampf halten.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU-Vorsitzende und Spitzenkandidatin Foto: Britta Pedersen/dpa-ZB
Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU-Vorsitzende und SpitzenkandidatinFoto: Britta Pedersen/dpa-ZB

Jemand hat im CDU-Vorstand das Stichwort „Champagner“ fallen lassen, aber den Gedanken hat die Chefin gleich abgewürgt: Wenn überhaupt, dann könnten nach der Bundestagswahl Korken knallen. Eventuell. Dabei war die Feierlaune am Montag nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen durchaus ausgeprägt in den Führungsgremien der CDU. Ein wenig haben sie sich ihr sogar hingegeben. „Im Bundesvorstand – da war eigentlich nix ein Thema“, berichtet ein erfahrener Vorständler. „Läuft“, vermeldet ein anderer. „Gibt’s kein Gemeckere.“

Selbst die einschlägig Verdächtigen hielten den Mund, die sonst immer etwas anzumerken haben. Der dritte Landtagswahlsieg in Folge lässt Angela Merkels Kritiker leisertreten. Die CDU-Chefin wirkt denn auch glaubwürdig heiter, als sie nach der Sitzung vor den Kameras resümiert: „Gestern war für uns ein Tag der großen Freude.“

Neben der Kanzlerin zieht Armin Laschet sein Gesicht in Sorgenfalten, was aber bloß der Konzentration geschuldet ist. Laschet hat mit dem Sieg im SPD- Stammland eine Erfolgsserie triumphal beschlossen, von der lange keiner zu träumen wagte. Dass seine 33,0 Prozent das zweitschlechteste CDU-Ergebnis der Landesgeschichte waren, stört niemanden, zumal der Prozentwert verdeckt, dass dahinter – bei gestiegener Wahlbeteiligung – die imposante Zahl von 2,8 Millionen Wählerstimmen steht. Bei den Erststimmen sind es sogar 3,2 Millionen. Das ist nicht weit entfernt vom maximalen Potenzial, das Wahlforscher der CDU im größten Bundesland zubilligen.

Die NRW-Wähler der CDU waren auch mit der Bundespolitik zufrieden

Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter – und Mütter. Merkel lobt Laschet, der den Finger in die Wunden der rot-grünen Regierung in Düsseldorf gelegt und die Landes-CDU geeint habe – „das war nicht immer so“. Laschet liefert Lebensweisheiten, die seinen Kritikern gelten, aber mehr noch denen der Kanzlerin: „Selbst wenn die Umfragen schwierig sind, muss man Kurs halten.“ Andere CDU-Spitzenleute verweisen darauf, dass unter den CDU-Wählern die Bundespolitik das zweithäufigste Motiv für ihr Kreuz bei Merkels Partei war. Und dass die CSU ihr Feuer auf die Kanzlerin inzwischen eingestellt hat – „das war hilfreich“, sagt eine Spitzenfrau der Partei.

Für die Bundestagswahl also beste Vorbedingungen, auch wenn jetzt alle vor Übermut warnen. Merkel selbst mahnt „völlig neue Anstrengungen“ für die kommenden Monate an – nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Andere werden deutlicher. Die Partei dürfe sich jetzt bloß nicht zurücklehnen nach dem Motto „Ach komm’, Mutti macht’s ja!“, sagt einer aus der engeren Parteiführung.

Zugleich fehlt vielen ein bisschen die Fantasie, wie die SPD und ihr Kandidat denn zurück ins Spiel finden sollten. Erledigt sei Martin Schulz nicht, „das ist mir zu martialisch“, sagt CDU-Vize Thomas Strobl. Gegen „entzaubert“ hat der Baden-Württemberger nichts.

Ihren Wahlkampf kann eine Partei auch selbst stören

Ob die SPD mit ihrer berüchtigten Vorliebe für Spiegelstrich-Programme den Spitzenkandidaten noch einmal auch nur mit einem Anflug der Magie aufladen kann, die er anfangs verströmte? „Man kann selber noch stolpern über sich selbst“, sagt die Rheinland-Pfälzerin Julia Klöckner. Das erinnert an die spezielle Art von Bescheidenheit, wie sie in Bayern von der Alleinpartei CSU geübt wird: Niemand könne die CSU besiegen außer ihr selbst. Aber Klöckner hat es nicht so gemeint, sondern mehr als Mahnung an die eigene Partei.

Dort kann Merkel jetzt für sich nicht nur drei Wahlsiege verbuchen plus – ein Novum in ihrer Amtszeit – wahrscheinlich zwei neue CDU-Ministerpräsidenten in Düsseldorf und Kiel. Die Siege von Annegret Kramp-Karrenbauer, Daniel Günther und Armin Laschet haben obendrein intern die Kräfte zu ihren Gunsten verschoben. Alle drei sind nicht als Kanzlerinnen-Kritiker aufgefallen, die Saarländerin und der Rheinländer standen sogar in der Flüchtlingskrise ausdrücklich an ihrer Seite.

Aus dieser Position heraus tut sich Merkel leicht, das Aufreger-Thema des zurückliegenden Jahres zum „Teil unserer gemeinsamen Geschichte“ zu erklären und die „große humanitäre Leistung“ zu loben, die nicht geringer werde durch die Maßnahmen, die verhindern sollten, dass sich das Jahr 2015 wiederhole.

Und was meint Jens Spahn?

Der Antwort auf die platt provokative Frage, ob sich mit dem NRW-Ergebnis jetzt „Jens Spahn als Kanzler-Nachfolger“ erledigt habe, enthebt sich Laschet: „Wir stehen jetzt vor einer Bundestagswahl, wo wir eigentlich eine Kanzlerkandidatin haben“, sagt er. „Nicht mal nur eigentlich!“, wirft Merkel sarkastisch ein. Der ehrgeizige Finanz-Staatssekretär Spahn ist unter den Jungspunden in der CDU der ungeduldigste und alerteste. Auch jetzt drängelt er sich wieder vor an die Spitze der aktuellen Bewegung. In NRW reicht es knapp für Schwarz-Gelb. Das wäre, sagt Spahn, „ein starkes Signal für den Bund“.

Auch andere CDU-Leute hätten nichts gegen ein Bündnis mit der FDP. Aber da hinein mengt sich eine diebische Freude darüber, dass dem FDP-Chef Christian Lindner der Erfolg in seiner Heimat versehentlich wohl etwas zu groß ausgefallen ist. Lindner, sagen sie, wolle mit Merkel-Bashing in den Bundestag einziehen; ein Bund mit der Kanzlerinnen-Partei in Düsseldorf wäre da heikel. Scheitern lassen könnte die FDP die Gespräche mit Laschet an dessen Wahlkampf-Forderungen zur inneren Sicherheit. Aber das Risiko für Lindner bleibe, sagt ein CDU- Vorständler: „Wenn Schwarz-Gelb geht und er macht es nicht, wären bürgerliche Wähler doch sehr irritiert.“

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