Politik : Die CDU richtet angesichts der Millionen-Strafe ein Solidaritätskonto ein

Rüdiger Scheidges

Nichts als das trostlose Ungefähr. Ein Millionen-Ungefähr für die CDU. Und Bundestagspräsident Thierse schaut nicht mehr hinters Komma: "Die 18 Millionen der Hessen-CDU sind ungefähr das, was für die erste Abschlagszahlung zur Verfügung gestanden hätte." Der freundliche bis hinterlistige Hinweis Thierses an die CDU macht dem Spekulieren, der bangen Erwartung, dem ganzen trostlosen Ungefähr, in dem sich die CDU seit Monaten befindet, ein jähes Ende. Ein nur vorläufiges, dafür radikales Ende. Denn um die Mittagstunde hagelt es Gewissheit. Die 18 "Zaunkönig"-Millionen, ja, die könnten die Hessen doch der Bundes-CDU übergeben, meint Thierse mit dem Satz.

Ja, es war die feine "Kanther-und Koch-Gesellschaft" in Hessen, die die CDU in die 41-Millionen-Pleite ritt. Im marineblau und industriegrau unterkühlt gehaltenen Bundespresseamt war dies keinerlei heiße Interpretation mehr wert. Was der Law-and-Order-Mann Kanther, der ehemalige Bundes-Sheriff, angerichtet und der "brutalstmögliche Aufklärer" Koch nur höchst fragmentarisch und verspätet geklärt hat, wird dazu führen, dass man mit den Hessen in der CDU kein Erbarmen mehr haben wird. Man wird sie zur Kasse bitten. Es sei denn, es käme ans Licht, dass der CDU-Geschäftsführer bereits vor Weihnachten über das hessische Versteckspiel informiert wurde...

Als Thierse seinen recht komplexen Satz fallen lässt, ist die CDU gerade erst ins Bild gesetzt. Nicht eben gentlemanhaft behandelt Thierse sie. Erst zwischen 11 Uhr 37 und 11 Uhr 43 laufen die Faxe aus der Bundestagsverwaltung mit der schlimmen Rechnung ein. Doch die Überraschung ist für die Parteigewaltigen nicht groß. Mit den 41 Millionen Rückzahlungen und einem realen "Null"-Ansatz für das Jahr 2000 hat man gerechnet. Und mit mehr.

Doch die CDU verliert selbst in der Stunde tiefster Betrübnis nicht ihr Gespür für den Gegner. In der Person des Anwalts Rüdiger Zuck regt sich, Ruck-Zuck, der Geist zum "unverzüglichen Angreifen" in betagter Vehemenz: Man müsse sich doch überlegen, hebt er an, ob das Parteiengesetz überhaupt verfassungskonform sei! Dass bei diesem forschen Wort dem immer grauer werdenden CDU-Bundesgeschäftsführer Willi Hausmann noch die Kraft zufährt, wie elektrisiert zusammenzuzucken, ist leicht zu erklären: Fraktionschef Schäuble und Kanzler Kohl waren es, die vor fünf Jahren dieses Gesetz formulierten und zum Gesetz machten.

Während der Anwalt seine Attacke gegen die verblassten CDU-Hoheiten reitet, sitzt die Generalsekretärin Merkel, mit tiefen Schatten unter den Augen bleich und merkwürdig entrückt da, als wäre sie mit den Gedanken weit, weit weg. Die beinharten Auseinandersetzungen in der Fraktion am Vorabend, jene lauten bis schrecklich schreienden Unvereinbarkeiten zwischen Schäubles und Baumeisters Darstellungen der 100 000-Mark-Spende Schreibers und vor allem die gerade beginnende Fraktionssitzung, in der Schäuble versuchen will, Baumeister mit einer überraschenden Vertrauensabstimmung den Prozess zu machen, lässt sie wohl ahnen, dass die Zukunft der derzeitigen Führungsriege eher an Schäuble denn an Thierse hängt, festhängt.

Doch mit geradezu jubelnder, papageiengelber Krawatte, strahlt neben ihr der Schatzmeister der Partei joviales Schwabentum aus. Matthias Wissmann beteuert ein ums andere Mal, obendrein mit keckem Lächeln, dass diejenigen, die da gerade auf dem Podium hocken, eigentlich nichts, aber gar nichts mit der schiefen Sache zu tun haben. Was die Sache offenbar besonders abschüssig macht. Für ihn, der nicht um den Brei redet und wohltuend unverkünstelt von "gravierenden Verstößen, keine Kavaliersdelikte" spricht, ist sie auch sehr misslich. Er darf jetzt die Millionen-Jauche qua Amt ausbaden. Und obendrein noch ein neues Konto führen, das eher an Nicaragua als an die CDU gemahnt. Es trägt den schönen Namen "Solidaritätskonto". In dies sollen Mitglieder - Bestimmungszweck: wg. Hessen - einzahlen. Die ersten Absagen, so aus Brandenburg, trudeln nach einer Stunde ein. Für Wissmann verkünden sie eine trostlose Gewissheit.

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