Die CDU wird 70 Jahre alt : Partei ohne genetischen Code

Die CDU eine konservative Partei? Ihre Säulenheiligen waren Virtuosen des Wandels, nicht der Beharrung. Ein Kommentar

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Gab Talenten eine Chance. Bundeskanzler Helmut Kohl mit Angela Merkel 1991.
Gab Talenten eine Chance. Bundeskanzler Helmut Kohl mit Angela Merkel 1991.Foto: dpa

Das Dumme an Jubiläen ist, dass sie zum Vergleich einladen. In jungen Jahren fällt der meist vorteilhaft aus, aber spätestens zum 70. Geburtstag kommen auch rüstige Senioren nicht umhin, ein wenig skeptisch in den Spiegel zu sehen. Der CDU geht es, wenn sie ehrlich ist mit sich selbst, nicht anders. Hinter der Partei liegt eine Erfolgsgeschichte. Vor ihr liegt viel Ungewisses. Hilft der Blick zurück, die Zukunft zu gestalten?

Die Frage ist keine bloß theoretische, weil Parteien sich weniger durch geschriebene Programme definieren als durch das, was sie für selbstverständlich halten. Wenn dieser Tage Geburtstagsständchen auf die Partei der Westbindung (Konrad Adenauer), der Sozialen Marktwirtschaft (Ludwig Erhard), der deutschen und europäischen Einigung (Helmut Kohl) erklingen, wird kein Christdemokrat, egal welchen Flügels, dagegen Einwände erheben.

Im Grunde, lautet die Erzählung, sind wir uns immer treu geblieben

Dabei war jede dieser Entscheidungen zu ihrer Zeit bitter umstritten. Selbst für die Wiedervereinigung musste Kohl kämpfen gegen eine starke Fraktion, die den Preis der Anerkennung der Oder-Neiße- Grenze nicht zahlen wollte. Tatsächlich erschien gerade das, was heute wie der genetische Code der CDU wirkt, den Zeitgenossen oft als Revolution, wenn nicht gar als Verrat am Altvertrauten.

Die alte Dame kann daraus lernen: Charakter bildet sich nicht durch möglichst stures Beharren, sondern durch Wandel. Weil die Deutschen aber kein besonders abenteuerlustiges Volk sind, steckt das Erfolgsrezept der CDU in einem Paradox. Sie hat ihren Status als Volks- und Regierungspartei vor allem deshalb behauptet, weil sie es auf lange Sicht meist geschafft hat, den Wandel als Kontinuität zu verkaufen. Im Grunde, lautet die Erzählung, sind wir uns immer treu geblieben.

Leider funktioniert das Ziehen solcher Selbstversöhnungslinien nur im milde geschichtsklitternden Rückblick. Vor konkreten Fragen erspart es die Entscheidung nicht. Klar, die CDU ist Europa- Partei – aber was bedeutet das jetzt genau für den aktuellen Umgang mit Griechenland? Fallenlassen, halten, und wenn ja, bis zu welchem Preis?

Tradition gibt darauf keine Antwort oder, genauer gesagt, viele: Auch ein „Grexit“ lässt sich je nach den Umständen als Ausdruck europäischer Gesinnung begründen. Oder, zum Beispiel, als finanz- und wirtschaftspolitische Standhaftigkeit – es gibt ja immer mehrere Traditionslinien, die auf ein konkretes Problem Anwendung finden können. In dieser Unschärfe der Wirklichkeit liegt einer der Gründe für das, was selbst viele in der CDU als Profillosigkeit der eigenen Partei beklagen. Der zweite Grund ergibt sich aus ihrem Erfolg: eine 40-Prozent-Volkspartei hat nun mal weniger scharfe Konturen als ein Fünf- Prozent-Klub.

Konturen gewinnt sie aber nicht durch Bewegungslosigkeit, sondern nur in Kämpfen und Konflikten. Sigmar Gabriel hat die große Konkurrenz in seinem recht knappen Glückwunsch als „konservative“ Partei bezeichnet. Das ist die CDU aber nicht. Ihre Säulenheiligen waren Virtuosen des Wandels, nicht der Beharrung. Die CDU sollte zum 70. ruhig mal genauer in den Spiegel schauen.

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