Politik : Die Chance des Unterlegenen

Saddam setzt der Macht der Alliierten eine Guerillataktik und die Opferbereitschaft seiner Milizen entgegen – nicht ohne Erfolg, glauben Experten

Christian Böhme

Flugzeugträger, Tarnkappenbomber, satellitengesteuerte Marschflugkörper – die technologische Überlegenheit der Alliierten drückt sich schon in der Bezeichnung ihrer militärischen Mittel aus. Dennoch ist es ihnen bisher nicht gelungen, Saddam Husseins Regime in die Knie zu zwingen. Der Blitzkrieg zieht sich in die Länge. Die Strategie der raschen Überwältigung des Gegners, ähnlich wie im Golfkrieg 1991, ist gescheitert.

Wie konnte es zu dieser Fehleinschätzung der politischen Führung im Pentagon komen, trotz der Warnungen der Generäle? Militärexperten und Fachleute für Sicherheitspolitik sind sich einig: Die Großmacht USA hat den Gegner Irak unterschätzt, in vielerlei Hinsicht. „Das ist der klassische Fehler des Überlegenen“, sagt der Berliner Politologe Herfried Münkler, dessen Buch über den neuen Golfkrieg gerade erschienen ist. „Die Mächtigen glauben oftmals nicht, dass die Unterlegenen lernfähig sind. Doch die lernen meist schneller, als die andere Seite.“

Das gilt auch für Saddam. Zum einen hat er es verhindern können, den Einfluss auf seine Truppen zu verlieren. Offenbar ist es dem Machthaber gelungen, die militärische Führung mit regimetreuen Kadern zu durchsetzen. „Kommunikative Unsicherheit“ nennt Münkler das. So seien womöglich kapitulationswillige Offiziere vom Aufgeben abgehalten worden.

Als besonders lernfähig hat sich der Diktator in militärischen Dingen gezeigt: Der Überlegenheit der Alliierten auf dem Felde setzt er, anders als vor zwölf Jahren, eine Guerilla- und Partisanentaktik entgegen. Nach Auffassung von Militärexperten eine durchaus erfolgreiche Methode, um den technologischen Vorteil einer Großmacht zumindest ein wenig auszugleichen. „Tschetschenien, der Balkan und Afghanistan sind dafür Beispiele“, sagt Klaus Schwarz, Mitglied der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Diese Art der irakischen Kriegsführung funktioniert aber nur, weil offenkundig die Kampf- und vor allem Opferbereitschaft vieler Iraker größer ist, als von den USA erwartet. „Diese Entschlossenheit haben die Amerikaner unterschätzt“, sagt auch Otfried Nassauer, Leiter des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit. Er verweist darauf, dass in den zugänglichen amerikanischen Aufklärungsbüchern über den Irak zum Beispiel von der Gefahr durch Milizen der staatlichen Baath-Partei oder durch die als fanatisch geltenden „Saddam Fedajin“ keine Rede war. Doch die erwiesen sich jetzt als besondere Bedrohung für die langen Nachschubwege der Amerikaner und Briten.

Was können die Alliierten dagegen tun? Den Widerstand niederbomben? Unmöglich, sagen Experten. „Die Bilder von hunderten oder gar tausenden toten Zivilisten könnten die arabische Welt in Brand stecken“, warnt Münkler. Der Krieg wäre politisch verloren. Militärisch bleibt nach Überzeugung der Fachleute nur das Niederkämpfen mit „mehr Stiefeln“, also durch Infanteristen. Die Amerikaner sehen das offenbar auch so. Die USA wollen ihre Bodentruppen rasch auf 225 000 Soldaten nahezu verdoppeln. Die neuen Kräfte könnten vor allem im Kampf gegen die Republikanischen Garden zum Einsatz kommen. Diese um Bagdad stationierten Einheiten zu zerschlagen, sei das wichtigste Ziel, glaubt Klaus Schwarz von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Das kann dauern. Deshalb hält es Herfried Münkler für denkbar, dass die USA auf eine „politische“ Lösung des Krieges setzen. Das heißt, Washington könnte versuchen, einen Keil in die irakische Führung zu treiben und daran arbeiten, dass sich Generäle (um nicht alle Macht zu verlieren) von Saddam abwenden. Dann wäre sein Sturz möglich, das vordringlichste Ziel erreicht – und der Krieg aus Sicht der Alliierten siegreich beendet.

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