Politik : Die Charme-Offensive des libyschen Revolutionsführers trägt Früchte

Birgit Cerha

Noch hat der in jahrelanger Odyssee vorbereitete Lockerbie-Prozess gegen zwei libysche Agenten nicht einmal begonnen. Dennoch gelingt es dem libyschen Staatschef Muammar Gadhafi zusehends, aus dem Schatten eines der blutigsten Terrorakte der vergangenen Jahrzehnte zu treten. Entschlossen setzt der so lange geächtete, eigenwillige Beduinenoberst seine Schritte zurück auf die Weltbühne. Terrorismus, so beteuerte er jüngst in einem Interview mit der ägyptischen Zeitung "Al Ahram", habe er ohnedies nie unterstützt. Enge Beziehungen zu Europa, ein Einschluss in die euro-mediterrane Partnerschaft besitze für ihn heute allerhöchste Priorität.

Und immer mehr europäische Staatenlenker schließen den einstigen Paria der Weltpolitik in die Arme. Frankreichs Präsident Chirac fand am Rande des EU-Afrika-Gipfels jüngst in Kairo Zeit für einen Gedankenaustausch, ebenso der deutsche Kanzler Schröder. Der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, unterhielt sich sogar zweimal mit Gadhafi. Auch Washington, das seit den achtziger Jahren Gadhafi als den Urheber und Förderer internationalen Terrors schlechthin brandmarkte, sendet freundliche Signale. "Die diplomatische Körpersprache", schrieb jüngst die "Washington Post", lasse darauf schließen, dass die Regierung Clinton eine lange Schlacht beenden will, die die USA in Gegensatz zu ihren europäischen Verbündeten brachte.

Dabei haben die beiden libyschen Geheimagenten, Abdel Basset Ali Megrahi und Lamen Khalifa Fhimah, noch nicht einmal begonnen, sich vor Gericht zu verantworten. Seit ihrer Auslieferung vor einem Jahr an ein schottisches Gericht, das in den Niederlanden tagt, bleiben die Hintergründe der Lockerbie-Tragödie immer noch mysteriös. Der Prozessbeginn ist für den 3. Mai geplant. Die Untersuchungen und Verhöre haben bisher keine klaren Beweise zutage gefördert, dass Muammar Gadhafi tatsächlich einer der wichtigsten Drahtzieher dieser Bombenexplosion an Bord eines amerikanischen Pan-Am-Flugzeuges war. 270 Menschen, überwiegend Amerikaner und Briten, waren am 21. Dezember 1988 ums Leben gekommen, als das Flugzeug über dem schottischen Dorf Lockerbie abgestürzt war.

Freilich hat der einst so feurige Revolutionär seine Rhetorik nicht vollends aufgegeben. Ungeachtet seines Werbens um Europa scheut er sich nicht, die Europäer offen für Verbrechen der Kolonialära in Afrika zur Verantwortung zu ziehen und entschieden finanzielle Kompensation in Form von Schuldennachlässen zu fordern. Von der arabischen Welt im Stich gelassen, hat er den Afrikanern nicht vergessen, dass sie sich im vergangenen Jahrzehnt recht wenig um die internationale Ächtung seines Landes kümmerten. Südlich der Sahara findet der Libyer Sympathie wie sonst nirgendwo.

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