• Die Charme-Offensive - Vielflieger Clinton will Indien und Pakistan zum Frieden überreden (Kommentar)

Politik : Die Charme-Offensive - Vielflieger Clinton will Indien und Pakistan zum Frieden überreden (Kommentar)

Robert von Rimscha

Neulich hat es einer ausgesprochen. Thomas Friedman, US-Publizist und mit seinem Globalisierungs-Buch über den "Lexus und den Olivenbaum" auch in Deutschland sehr erfolgreich, hat in der "New York Times" eher beiläufig eine Liste der drei wichtigsten außenpolitischen Felder der USA untergebracht. Peking, Tokio, Moskau - darum gehe es. Was die öffentliche Wahrnehmung angeht, hat Friedman Recht. Noch immer sind die atlantischen Handelsströme die dicksten. Doch atlantische Themen, ob IWF-Posten, Nato-Erweiterung, Hormon-Fleisch oder Helms-Burton, sind allemal Insider-Angelegenheiten.

Asien: Da spielt die Musik. In China geht es darum, ob den USA ein neuer Konkurrent erwächst. In Indien und Pakistan geht es darum, ob die nukleare Abschreckung auch nach dem Kalten Krieg noch funktioniert. Wenn es einen neuen militärischen Großkonflikt gibt, dann wegen Kaschmir oder Taiwan. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung der USA stellen sich Schicksalsfragen in Asien - mit Europa wird, wie unter Verwandten, um Fußnoten gerangelt.

Dies ist der Hintergrund, vor dem Bill Clinton nun durch Indien, Bangladesch und Pakistan reist. Er hat Hilfsprogramme im Gepäck und zwei konkrete Ziele. Zunächst setzen die USA auf "Kinder plus Inder" und erweitern im Halbjahrestakt die Zureisemöglichkeiten für Computerspezialisten aus Schwellenstaaten. Bangalore, das indische Silicon Valley, ist eine Haupt-Rekrutierungsgegend. Die aufgestockten Visa-Programme sind ein kleiner Teil eines umfassenden Paketes zur Kooperation vor allem in entwicklungspolitischen und wirtschaftlichen Fragen, das Clinton im Gepäck hat.

Und dann ist da noch eine große vage Hoffnung. Mit all seinem Charme und all seiner Eloquenz will der US-Präsident daran arbeiten, Indien und Pakistan zur atomaren Abrüstung zu überreden. Der Test-Stopp wäre der erste Schritt, doch es geht vor allem darum, die weitere Entwicklung von kleinen Nuklearsprengköpfen für Mittelstreckenraketen und für taktische Waffen zu verhindern. Clinton wird wieder und wieder argumentieren, dass eine solche Selbstbeschränkung das Leben auf dem Subkontinent für alle Beteiligten sicherer macht. Und er wird im Gegenzug anbieten, womit Amerika stets lockt: Geld.

Allein seine Gegenwart soll Aufwertung für die Region signalisieren, die zuletzt Jimmy Carter besucht hatte. Ganz nebenbei wird Pakistans Putsch-General vom Geruch des Paria befreit. Indien bekommt ein wenig der Aufmerksamkeit, die die größte Demokratie auf Erden und das Land, das in wenigen Jahrzehnten China als bevölkerungsreichstes überholen wird, seit langem beansprucht.

Ganz uneigennützig hortet Clinton die tausenden Meilen auf seinem Vielfliegerkonto nicht. Innenpolitisch ist der Präsident kaltgestellt. Zwei Nachfolge-Aspiranten stehen in den Startlöchern, und von den vielen kleinen Initiativen, die Clinton bei seiner "Rede zur Lage der Nation" im Januar präsentiert hat, wird kaum etwas den Kongress passieren. So nutzt Clinton sein Gewicht, um Punkte auf der Habenseite zu verbuchen, wenn es um sein Erbe geht. Nahost, Irland, Indien-Pakistan: Als dreifacher Friedensengel würde er sich gern verabschieden.

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