Politik : Die Dateien des toten Guerilleros

Der Konflikt zwischen Kolumbien und seinen Nachbarn schien beigelegt – jetzt löst ein Laptop neuen Streit aus

Philipp Lichterbeck

Berlin - Eine halbe Stunde nach Mitternacht kam die Einigung. 14 Stunden hatten die 34 Außenminister der Organisation Amerikanischer Staaten in Washington darum gestritten, wie das Eindringen kolumbianischer Militärs nach Ecuador zu bewerten sei. Diese hatten dort Anfang März mit Hilfe der USA den Sprecher der kolumbianischen Guerillaorganisation Farc, Raul Reyes, getötet. Die linken Regierungen Ecuadors und Venezuelas entsandten daraufhin Truppen an ihre Grenzen mit Kolumbien – Lateinamerika stand am Rande eines Krieges. Ebenso plötzlich entspannte sich die Lage dann wieder: Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe versöhnte sich in Santo Domingo mit seinen Kollegen aus Ecuador und Venezuela, Rafael Correa und Hugo Chavez.

Umso überraschender kam deshalb nun das erneute Drängen Ecuadors auf eine scharfen Verurteilung Kolumbiens, das im Gegenzug die Verurteilung Ecuadors und Venezuelas für die Unterstützung der Farc forderte. Am Ende einigte man sich auf eine „Zurückweisung“ des Angriffs und die Verpflichtung zum „Kampf gegen bewaffnete Gruppen“.

Dass der Konflikt dennoch weiter schwelt, war schon zu Beginn des Gipfeltreffens klar geworden: Die kolumbianische Delegation präsentierte ein Foto, das den getöteten Guerillasprecher Raul Reyes mit Ecuadors Sicherheitsminister Gustavo Larrea beim Plausch im Dschungel zeigen sollte. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass nicht Larrea auf der Aufnahme zu sehen ist, sondern der Sekretär der kommunistischen Partei Argentiniens, Patricio Etchagaray.

Das Foto stammt offenbar von Reyes’ Laptop, den die Kolumbianer bei ihrem Angriff sicherstellten. Das Gerät ist mittlerweile zur wichtigsten Waffe Uribes geworden. Seine Regierung steht in der Region als letzter Verbündeter der Bush-Regierung und weltweit drittgrößter Empfänger von US-Militärhilfe einsam da. Sie ist daher bemüht, Beweise für die Unterstützung der marxistischen Farc durch Chavez und Correa zu sammeln.

Umgehend wurden Computer-Experten von Interpol eingeflogen, um Reyes’ Laptop, zwei weitere Farc-Rechner und mehrere externe Festplatten zu analysieren, die ebenfalls bei Reyes gefunden wurden. Insgesamt 675 Gigabyte teils brisanter Informationen sollen sich darauf befinden. Wie die kolumbianische Zeitschrift „Semana“ meldet, ist darunter auch der Beweis, dass Chavez der Farc 300 Millionen Dollar versprochen habe: „50 stehen bereit, und es gibt einen Zeitplan für weitere 200 im Lauf dieses Jahres“, wird eine Mail zitiert, die der Farc-Guerillero Ivan Marquez nach einem Treffen mit Venezuelas Innenminister Ramon Rodriguez geschrieben haben soll. Chavez weist die Anschuldigungen als „unbewiesen“ zurück.

Auch sein Verbündeter, Ecuadors Präsident Correa, ist nun in Erklärungsnot geraten: Angeblich überwies die Farc ihm Geld für den Wahlkampf.

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