Politik : Die Debatte ums Deutschsein: Dem Land tief verbunden

Arnulf Baring

Ich habe meine Frau gefragt: "Bist Du stolz darauf, Kinder bekommen zu haben?" Sie hat die Augenbrauen hochgezogen und gesagt: "Stolz? Nein, ich bin einfach zufrieden, wenn aus ihnen anständige Menschen werden." Ich persönlich kann nur stolz sein auf etwas, was ich selbst geleistet habe - aber ich verwende das Wort nie, öffentlich so wenig wie im Privaten. Da geht es mir wie Johannes Rau. Aber ich fühle mich tief unserem Land verbunden, auch den Landsleuten, im Guten wie im Bösen. Die Deutschen können in ihrer Geschichte unterschiedliche Dinge positiv finden, Vorbilder, schöne Orte, Landschaften, Werke der Kunst, der Literatur, der Musik. Je mehr wir uns all dem Guten verbunden fühlen, desto leichter wird es, auch mit den Lasten der Vergangenheit fertig zu werden.

Mich stört an der aktuellen Debatte vor allem das Verkrampfte, das Kleinkarierte, die Selbstherrlichkeit. Es geht nicht um einzelne Worte, es geht doch um das, was uns in der Sache verbindet oder trennt. Wir hätten durchaus Grund, ernsthaft uns darüber zu verständigen, was uns eint, also die deutsche Leitkultur. Friedrich Merz hätte ruhig stolz darauf sein können, diese Debatte angestoßen zu haben. Ich bin sicher, es gibt in der Gesellschaft wieder ein wachsendes Interesse an einer Klärung, worauf wir uns mehrheitlich verständigen können. Natürlich müssen wir alle unsere Vergangenheiten in die Zukunft mitnehmen. Aber inzwischen gelassener, zuversichtlicher, selbstbewusster. Wir waren über Jahrhunderte hinweg ein wichtiges, zeitweise kulturell führendes europäisches Volk. Wir sind seit Jahrzehnten wieder gute Europäer. Wir sollen bescheiden sein, kooperativ bleiben, aber wir dürfen zugleich unsere Interessen nicht länger verstecken.

Die Union hat in ihrer Verzagtheit das Thema Leitkultur rasch fallen gelassen. Nun ist es nur wegen Trittins Beleidigung wieder aufgetaucht. Das ist schade, weil die Frage, was zusammenhält, im kollektiven Unterbewusstsein eine große Rolle spielt. Der Kanzler hat dies übrigens selbst erkannt, als er von der aufgeklärten Vertretung eigener deutscher Interessen sprach. Eine Debatte, nicht nur über unsere Fehler und Versäumnisse, sondern auch über große erinnerungswürdige Leistungen ist überfällig. Was uns gemeinsam fehlt, sind positive Gefühle Deutschland und den Deutschen gegenüber. Ein bisschen mehr Heiterkeit im Umgang miteinander wäre hilfreich, öffentlich wie privat.

Zum Thema: Hintergrund: Die Rau-Äußerung
TED: Kann man auf die Zugehörigkeit zu einer Nation stolz sein?

0 Kommentare

Neuester Kommentar