Politik : Die Debatte ums Deutschsein: Immer Patriot, nie Nationalist

Stephan-Andreas Casdorff

Manche wissen noch, dass Johannes Rau nicht immer Sozialdemokrat war. Sozial und demokratisch, das schon, aber nicht eingeschriebenes Mitglied der SPD. Als Rau Mitte der fünfziger Jahre "in die Politik ging", wie er selbst es heute lakonisch ausdrückt, da war es die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, die ihn bewog, in die "Gesamtdeutsche Volkspartei" einzutreten, die Partei Gustav Heinemanns. Rau wollte sich mit der deutschen Teilung nicht abfinden, dazu bekannte er sich auch schriftlich. Von 1954 an arbeitete er in der Redaktion der "Gesamtdeutschen Rundschau".

Heinemann, den er als Politiker und als Menschen verehrte, ist nicht der einzige bedeutende Name unter seinen frühen Wegbegleitern. Diether Posser, später Minister in Nordrhein-Westfalen, Erhard Eppler, der für die SPD Grundsätze formulierte - auch sie stammten aus der Gesamtdeutschen Volkspartei. Eppler, der Streitbare, kann bis heute als Kronzeuge für Raus Einstellung dienen; auch die Union wird Eppler die Integrität nicht bestreiten. Und Raus Einstellung lautet so: Das Thema Deutsche Einheit "hat mich mein ganzes Leben lang nicht losgelassen und mich weit über meine politischen Aufgaben hinaus begleitet", hat er bei der gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat nach der Vereidigung zum Bundespräsidenten gesagt. Das werden auch die CSU-Vertreter gehört haben, voran Edmund Stoiber und Thomas Goppel.

Zum Thema: Hintergrund: Die Rau-Äußerung
TED: Kann man auf die Zugehörigkeit zu einer Nation stolz sein? Am 9. November 1989, als die Mauer fiel, das Volk wieder gesamtdeutsch wurde, war Rau in Berlin und in Leipzig. In den zwei Tagen danach hat er alles sehr nah miterlebt, das ungläubige Staunen, die Freude. Es hat ihn, den gläubigen Christen, der protestantisch streng (mit sich) für die Erfüllung tiefster Wünsche arbeitet, im Innersten angerührt. Auch daher rührte der Wunsch, einmal der Bundespräsident aller Deutschen zu sein; vom Antrieb her einer wie Heinemann, den Bürgern zugewandt.

Johannes Rau hat direkt nach der Wahl zum Präsidenten gesagt: "Es hat - auch unter uns - eine lange Diskussion gegeben, über das Grundgesetz und seine Chancen, über das Verhältnis von Vaterlandsliebe, Patriotismus und Nationalismus. Ich glaube, dass Nationalismus und Separatismus Geschwister sind. Ich will nie ein Nationalist sein, aber ein Patriot wohl. Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt, ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet." Sollten die CSU-Vertreter diese Sätze überhört haben?

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