Politik : Die Delegierten nehmen den Abgang von Lothar Bisky ohne große Gefühlsregung zur Kenntnis

Matthias Meisner

Haben die Delegierten die ganze Tragweite der Ankündigung von Lothar Bisky verstanden? Sind sie betroffen oder beruhigt? Es ist wenige Minuten vor 14 Uhr, der seit 1993 amtierende Vorsitzende der PDS hat seine Rede auf dem Münsteraner Parteitag gerade erst begonnen - und liest Wort für Wort die Sätze ab, die auf Seite 2 des 21-seitigen Manuskripts stehen. Wie seit Jahren auf Parteitagen trägt er ein schwarzes Hemd, dazu eine silberne Krawatte. "Ich wusste und ich weiß, dass meine Zeit als Parteivorsitzender zu Ende geht." Und: "Ich habe mein Amt als Parteivorsitzender in der Gewissheit angetreten, dass politische Ämter stets nur die Übergabe von Macht und Verantwortung auf Zeit sind."

Es ist die definitive Ansage, nach Ablauf seiner Amtszeit zum Jahresende nicht erneut der SED-Nachfolgepartei vorstehen zu wollen. Seit Wochen war über diese Absicht des PDS-Vorsitzenden spekuliert worden. "Die finale Mülltonne ist voll", so hatte er seine Rückzugsabsicht in Worte gefasst. Um dann doch immer Raum für Spekulationen zu geben: "Ich bin nicht amtsmüde", erklärt Bisky noch wenige Tage vor dem Parteitag. Als der Parteichef dann in der Münsterlandhalle den letzten Zweifel an seiner Rückzugsabsicht ausgeräumt hat, bleibt das Parteivolk denkbar emotionslos. Gregor Gysi, der das Manuskript der Rede mitliest, blickt nur kurz auf. Der Ehrenvorsitzende Hans Modrow sortiert Unterlagen. Nicht einmal ein Raunen geht durch den Saal - und so recht weiß auch niemand, ob er jetzt klatschen soll. Oben auf dem Podium blicken Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch und die Berliner Landesvorsitzende Petra Pau verschämt - beide werden als mögliche Bisky-Nachfolger genannt, wollen sich aber nicht aus der Deckung wagen.

Nur von Lothar Bisky selbst scheint die Anspannung abzufallen. Schon vor der Konstituierung des Parteitages schlenderte er mit dem brandenburgischen Landtagsabgeordneten Heinz Vietze gelassen über den Vorplatz der Halle, die Gelöstheit ist nicht zu übersehen - zur gleichen Stunde, als Gregor Gysi versucht, auf einer Kundgebung vor dem Münsteraner Stadthaus Stimmung im NRW-Landtagswahlkampf zu machen. Die beiden gelten bisher als Team: Gysi, das Showtalent, treibt die Partei voran. Bisky hält die Flügel zusammen.

Den Delegierten in Münster versichert der scheidende Vorsitzende, er werde sich nicht ganz aus der politischen Arbeit zurückziehen. Auf die Arbeit als Fraktionsvorsitzender im brandenburgischen Landtag will er sich konzentrieren, daneben auf die Leitung der Programmkommission. Und, fügt er hinzu und bekommt dafür nun endlich lebhaften Applaus, um die Entwicklung der politischen Kultur in der PDS. "Sie droht auf den Hund zu kommen. Das tut mir echt weh", sagt der Vorsitzende. Biskys innerparteilicher Versöhnungskurs ist in die Kritik geraten - heftiger, nachdem sein Abgang sich abzeichnete. Jetzt, wo er geht, widerspricht er den Vorwürfen.

Wie sich das Kräfteverhältnis in der PDS nach dem Rückzug Biskys entwickeln wird, ist offen. Schon seit der Erfolgsserie bei den Wahlen des vergangenen Jahres wagen sich die Dogmatiker verstärkt aus der Deckung. Die Reformer haben sich noch nicht auf einen Nachfolgekandidaten geeinigt. Immer wieder fallen neue Namen - neben Bartsch und Pau unter anderem die des Bundestags-Fraktionsgeschäftsführers Roland Claus, der sachsen-anhaltinischen Fraktionschefin Petra Sitte oder des Schweriner Arbeitsministers Holter. Jeder dieser Namen ist mit der Erwartung verbunden, dass Diskussionen in der PDS künftig mehr zugespitzt werden müssten, dass mehr polarisiert werden sollte - auch als Absage an Kommunistische Plattform und Marxistisches Forum. Und mit jedem Namen verbindet sich die Befürchtung, dass auch ein neuer Vorsitzender wieder an alten Zwängen scheitern wird.

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