Politik : „Die Demographie ist nicht schuld“

Für den Statistiker Bosbach sind Arbeitslosigkeit und schlechte Bildung die Ursachen unserer Sozialmisere

-

Herr Bosbach, sterben die Deutschen aus?

Nach einer Prognose des Bevölkerungsforschers Herwig Birg sind wir im Jahr 2300 ausgestorben. Aber eine Prognose über einen so langen Zeitraum ist Kaffeesatzleserei. Solche Prognosen basieren zudem auf der Annahme konstanter Entwicklungen. Nun hat aber vor 50 Jahren zum Beispiel niemand die Erfindung der Antibabypille vorhergesehen oder den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte. Das Statistische Bundesamt übrigens kommt für das Jahr 2050 auf 75 Millionen Bürger in Deutschland. Da kann man kaum von einem aussterbenden Volk sprechen.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat jüngst festgestellt, statistisch gesehen bringe jede Frau in Deutschland 1,36 Kinder zur Welt. So wenig wie seit 1945 nicht mehr.

Das ist falsch. Mit 1,36 liegt die Geburtenziffer im Gegenteil sogar über der der vergangenen Jahre. 2001 waren es 1,35, 2002 und 2003 jeweils 1,34. Und sie ist nicht die niedrigste der Welt, nicht einmal in Europa. In der EU haben zehn von 25 Ländern eine geringere Geburtenziffer als Deutschland. Richtig ist, dass es 2005 vermutlich nur 680 000 bis 690 000 Geburten gab: Das wären dann in der Tat erstmals seit 1946 weniger als 700 000.

Haben wir es beim demographischen Wandel mit einem historisch einmaligen Vorgang zu tun?

Überhaupt nicht. Dass wir älter werden und weniger Kinder bekommen, ist ein seit langem zu beobachtender Prozess. Ein Prozess übrigens, der interessanterweise dabei ist, sich abzuschwächen. Die Lebenserwartung steigt, und die Kinderzahlen sinken nicht mehr so schnell.

Ist trotzdem der erreichte Zustand nicht ein alarmierender?

Demographisch nicht. Ein Beispiel für das, was im vergangenen Jahrhundert geleistet wurde: 1900 kamen noch zwölf Erwerbsfähige auf einen über 65-Jährigen, heute sind es nur noch vier, das heißt, jeder Erwerbsfähige hat heute die dreifache Belastung zu tragen.

Manche sprechen deshalb im Hinblick auf das Renten- und Gesundheitssystem von einer tickenden Sozialbombe.

Dabei übersehen alle, dass wir in 20, 30 Jahren viel produktiver sein werden. Vergleichen Sie nur den Wohlstand, der 1960 produziert wurde, mit dem, den wir heute produzieren. Das ist ein riesiger Sprung. 1900 hat ein Landwirt acht Leute ernährt, heute sind es 80.

Ist der demographische Wandel ein quasi-naturgesetzlicher Prozess, dem wir uns anpassen müssen, oder eine steuerbare Entwicklung?

Kurzfristig können wir nichts ändern. Selbst wenn wir die Anzahl der neugeborenen Kinder pro Frau sofort erhöhen würden, hätten wir die ja erst mal 20 Jahre lang auszubilden.

Und langfristig?

Die Menschen brauchen ökonomische Sicherheit, die Perspektive eines festen Jobs. Sie brauchen das Gefühl, gewollt zu sein. Heute kommen viele aus überfüllten Schulen und Universitäten auf einen Lehrstellen- und Arbeitsmarkt, der sie nur zum Teil brauchen kann. Kein Wunder, wenn sie nicht optimistisch Kinder in die Welt setzen. Der demographische Wandel ist nicht schuld, er ist nicht die Ursache unserer Misere. Solange wir diese Arbeitslosigkeit haben, würden auch mehr Kinder nichts nützen. Wichtig wäre die Einsicht: Wir bilden heute die Kinder und Jugendlichen aus, die bis 2060 unsere Versorger sein sollen. Hier müssen wir ansetzen: Wenn wir an der Kinderzahl kurzfristig nichts ändern können, wenn wir an der Arbeitslosigkeit kurzfristig nichts ändern können, dann müssen wir wenigstens alles tun, um diese Generation bestmöglich auszubilden.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Gerd Bosbach lehrt Statistik, Mathematik und Empirik an der Fachhochschule Koblenz, Außenstelle Remagen, und hat von 1988 bis 1991 für das Statistische Bundesamt gearbeitet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben