Politik : „Die deutsche Schule ist von gestern“

Internationale Experten fällen in Studie ein vernichtendes Urteil: Das System bremst selbst hochengagierte Lehrer

Bärbel Schubert

Berlin. Eine internationale Expertengruppe im Auftrag der OECD hat erneut ein vernichtendes Urteil über das deutsche Schulsystem gefällt. Ein „unflexibles System von Verwaltung und Besoldung“ bremse selbst hochengagierte Lehrerkollegien. Die weltweit einmalige Trennung in Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien spalte auch die Pädagogen untereinander in verschiedene Interessengruppen und erschwere die Weiterentwicklung. „Das heutige System deutscher Schulen gehört zu einem vergangenen ökonomischen und gesellschaftlichen System“, heißt es in dem Expertenprotokoll, das dem Tagesspiegel vorliegt.

Die Fachleute der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) hatten im Rahmen einer weltweiten Lehrerstudie Schulen in Deutschland besucht und mit Vertretern von Ministerien und Wissenschaftlern gesprochen. Ihr Protokoll gleicht einer Abrechnung mit erstarrten Strukturen. „Schulen und Unterricht sind geschlossene Veranstaltungen“, das Berufsbild des Lehrers sei nicht stimmig, heißt es darin. Die Frage sei: „Wer wird eigentlich Lehrer?“, urteilt die fünf-köpfige Expertenkommission über das deutsche Schulsystem.

Die Lehrer müssten keine Rechenschaft darüber ablegen, ob sie ihre Ziele erreichen, die Pädagogen müssten zudem zu wenig Eigenverantwortung übernehmen. Nach einer „geballten Ladung“ Ausbildung an Hochschulen und Studienseminaren folge „dann nichts mehr bis zur Pensionierung“. Die Ausbildung veralte in rasantem Tempo. Für die Fortbildung gebe es zu wenig Anreize. Das Ergebnis: „Die Qualifikationen von Lehrkräften entsprechen häufig nicht den aktuellen Anforderungen in der Schule.“ Auch das gegliederte Schulsystem wird kritisiert. Die weltweit einmalige Trennung in Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien hat ihre Reputation als besonders leistungsfähig verloren. Die Empfehlungen der Experten liegen noch nicht vor. Über deren grundlegende Richtung heißt es: Anstelle vieler Einzelmaßnahmen sollten „zügig zentrale, systematisch koordinierte Reformmaßnahmen“ treten. In Lehrerausbildung wie Schulsystem müssten mehr Eigenverantwortung und Transparenz einziehen.

Das Angebot der OECD, das gesamte deutsche Schulsystem zu prüfen, hatten die Kultusminister Anfang des Jahres verworfen gehabt. Nur gegen Widerstand hatten Lehrer- und Elternorganisationen ihnen die Zustimmung zu der „Expertenreise“ durch deutsche Klassenzimmer abgerungen. Bei der Kultusministerkonferenz wollte man sich am Mittwoch zu der Untersuchung nicht äußern. Noch fehle der abschließende Bericht, hieß es. An diesem Donnerstag wollen die Kultusminister allerdings nationale Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss in bestimmten Fächern verabschieden. Deren Einführung war vor über einem Jahr als Reaktion auf das schlechte Abschneiden in der Pisa-Studie beschlossen worden.

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