Die Deutschen in der Flüchtlingsfrage : Wutmenschen und Gutbürger

Zwei Studien zeigen differenzierte Haltungen der Deutschen gegenüber Geflüchteten: Engagement und Empathie, Skepsis und Sorgen.

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2015 schienen die Fronten in Deutschland besonders verhärtet. Foto: picture alliance / dpa
2015 schienen die Fronten in Deutschland besonders verhärtet.Foto: picture alliance / dpa

Auf der einen Seite die Wutbürger: Sie wehren sich gegen Flüchtlingsheime, demonstrieren montags und misstrauen der Politik. Auf der anderen Seite die Euphorischen: Sie begrüßen Flüchtlinge am Bahnhof, spenden Plüschtiere und zelebrieren die Willkommenskultur. So gespalten zeigten sich die Deutschen 2015, auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs. In diesen Tagen, so schien es, gab es nur Schwarz und Weiß, Ja oder Nein.

Dass das schon damals nicht der Realität entsprach und heute noch viel weniger stimmt, belegen zwei neue Studien. Sie attestieren den Deutschen eine sehr differenzierte Meinung zu den Themen Flüchtlingspolitik, Zuwanderung und offene Grenzen. Die Deutschen bestehen demnach keineswegs nur aus Wutbürgern auf der einen und Euphorischen auf der anderen Seite.

Absolute Extrempositionen selten

Laut einer Allensbach-Umfrage im Auftrag des „Handelsblatts“ sagen zwar 45 Prozent der Bundesbürger, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben. Und nur 26 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu. Doch dahinter verbergen sich nicht unbedingt grundlegende Vorbehalte gegen Fremde, so die Analyse. Denn 70 Prozent der Befragten haben zum Beispiel kein Problem mit der Freizügigkeit in der EU. Der Freihandel ist – außer bei den AfD-Anhängern – ebenfalls kaum umstritten.

Absolute Extrempositionen sind vergleichsweise selten: So liegt die Zahl derer, die sowohl gegen Freihandel sind als auch die Zahl der Flüchtlinge als zu hoch empfinden, nur bei zehn Prozent. Sie werden in der Studie als „Abschotter“ bezeichnet. Die „Weltoffenen“ auf der anderen Seite, die sowohl Zuwanderung als auch Freihandel positiv gegenüber stehen, machen 20 Prozent aus. Der Großteil der Bundesbürger lässt sich aber keiner der beiden Kategorien zuordnen.

Zwei Drittel haben bereits Erfahrung mit Flüchtlingen

Auch das Sozialwissenschaftliche Institut (SI) der Evangelischen Kirche in Deutschland hat am Freitag erste Ergebnisse einer neuen Flüchtlingsstudie präsentiert. Die zentrale Erkenntnis: In den westlichen Bundesländern herrscht eine eher zuversichtliche Haltung gegenüber Flüchtlingen, in den östlichen eher Skepsis. Daran hat sich seit 2015 kaum etwas geändert. Doch auf das gesamte Bundesgebiet bezogen gibt es aktuell knapp ein Drittel der Bevölkerung, das bei der Frage „Schafft Deutschland das?“ unentschieden ist. Hier ebenfalls: nicht nur Schwarz und Weiß.

Ein wichtiger Faktor dürfte sein, dass mittlerweile laut der SI-Studie zwei Drittel der Deutschen bereits Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht hat. Dieser Anteil lag im November 2015 noch bei weniger als 50 Prozent. Die Mehrheit hat diese inzwischen gemachten Erfahrungen positiv bewertet: Nur neun Prozent der Studienteilnehmer gaben bei der jüngsten Erhebung an, sie hätten negative Erlebnisse mit Flüchtlingen gehabt. 22 Prozent sagten, sie hätten sowohl positive als auch negative Erfahrungen gemacht.

Hilfsbereitschaft kein "Strohfeuer"

Bemerkenswert ist laut Petra-Angela Ahrens vom SI, dass sich im Osten mittlerweile prozentual sogar etwas mehr Menschen für Flüchtlinge engagierten als im Westen. Im Osten waren es im April 7,7 Prozent, im Westen 7,4 Prozent. „Ich finde das ungeheuer beeindruckend, denn dieses Engagement vollzieht sich vor dem Hintergrund der grundsätzlich skeptischeren Stimmung im Osten“, sagt Ahrens. Die Befürchtung, die Hilfsbereitschaft der Deutschen könne nur ein „Strohfeuer“ sein, habe sich nicht bewahrheitet. „Alles in allem ist das Engagement der Bevölkerung ungebrochen.“

Keine leichte Aufgabe für Politiker

Auf der anderen Seite haben aber auch die Sorgen, die die Deutschen im Bezug auf Flüchtlinge hegen, seit 2015 nur teilweise abgenommen. Insgesamt sind diese nach wie vor recht hoch. So befürchten immer noch drei Viertel der Befragten, dass sich der Rechtsextremismus verstärken wird. ebenso viele glauben, dass es nun immer schwerer werden wird, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Mehr als 60 Prozent fürchten, dass die Kriminalität in Deutschland steigen wird. Dass die muslimische Kultur unseren Alltag dominieren wird – davor haben im Vergleich die wenigsten Befragten Angst. Dennoch liegt ihr Anteil bei 40 Prozent.

Die differenzierten Haltungen der Deutschen und der Fakt, dass sich Positionen nicht mehr einem bestimmten Wählerlager zuordnen lassen – das macht es für allem für die Politiker der großen Volksparteien schwer, im Wahlkampf die richtigen Botschaften zu senden. Die gute Nachricht, die das „Handelsblatt“ aus seiner Studie zieht: Die Deutschen seien rationaler und klüger, als viele ihrer Politiker denken.

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