Politik : „Die Deutschen sollen ruhig kommen“

Erstmals nimmt ein Bundeskanzler an den Feiern zum D-Day teil – die meisten Veteranen sehen es gelassen

Matthias Thibaut[London]

„Gerhard, ze war is over ... der Krieg ist vorbei“, überschrieb die „Sun“ diese Woche mit deutschem Akzent ihren Bericht über Gerhard Schröders Teilnahme an den Feiern zum D-Day, dem Jahrestag der Landung alliierter Truppen in der Normandie. Wenn empfindliche Ohren Spott heraushören wollten – auch nach aufmerksamer Lektüre blieb die Position der sonst nicht gerade zimperlichen Zeitung unklar. Ohne Kommentar wurde wiedergegeben, wie der deutsche Bundeskanzler seine Einladung zu den D-Day-Feiern in der Normandie sieht – als ein Zeichen, dass der Krieg „ein für alle Mal“ vorüber sei.

Ähnlich unausgesprochen bleibt, was die britischen Veteranenverbände denken. Noch im Januar hatte der Generalsekretär des Verbands der Normandieveteranen, Edwin Hannath, eine Kranzniederlegung durch Schröder als „Sakrileg“ bezeichnet. Aber Berichte über furiose Proteste und Absagen der Veteranen bei den Feiern halten der Nachprüfung nicht stand. „Lass ihn kommen. Nur Gutes kann daraus entstehen“, sagte Veteran Gordon MacDonald dem „Daily Telegraph“. Schröder wird auf dem Commonwealth-Friedhof Ranville einen Kranz niederlegen. Selbst wenn ein paar Veteranen wegbleiben sollten: Mit mindestens 8000 Teilnehmern stellen die Briten immer noch das größte Veteranenkontingent bei den Feiern zum D-Day. Hannath selbst erklärte letztlich, solange die Erinnerung an die Gefallenen nicht getrübt werde, würde niemand Anstoß an Schröders Erscheinen nehmen.

In Frankreich wird indes beteuert, dass es keine Einwände von Veteranen gegen den Schröder-Besuch gebe. Die Einladung von Staatspräsident Jacques Chirac an Schröder sei zuvor mit den französischen Veteranen besprochen worden: „Niemand hatte etwas dagegen“, unterstrich der für die ehemaligen Kriegsteilnehmer zuständige französische Staatssekretär Hamlaoui Mekachera. Frankreich wolle sich „der Vergangenheit bedienen, um die Zukunft zu errichten“. Aber die meisten Überlebenden sehen das heute so locker wie der 77-jährige Pierre Thierry: „Die Deutschen sollen ruhig kommen, die Jungen haben nichts mehr mit der Nazizeit zu tun.“

Viele Briten würden dem Kanzler sogar, wie der 79-jährige Gordon Hornsby aus Newcastle, „die Hand der Freundschaft reichen“. Allerdings wurde bemerkt, dass die Einladung von den Franzosen ausgesprochen wurde und politische Symbolik hat. „Die Franzosen haben die Sache in diesem Jahr vielleicht ein bisschen zu sehr an sich gerissen“, sagte der Veteran Tom Robson aus Durham. Bis hin zur liberalen „New York Times“ stören sich Kommentatoren an einer politischen Symbolik, die mehr mit der engen deutsch-französischen Partnerschaft in der EU als dem D-Day selbst zu tun hat. Der ist für die Briten keine vorgezogene Version von V-Day und Siegesfeier, sondern die Erinnerung an ein identitätsstiftendes Ereignis in ihrer Nationalgeschichte. Als die BBC im Januar Hörer aufforderte, Erinnerungen an die Normandielandungen einzusenden, kamen kistenweise Berichte. In Sondersendungen wurde noch einmal nacherlebt, wie England, von Hitler-Deutschland fast schon in die Knie gezwungen, sich durch die Summe individueller Schicksalstaten noch einmal aufbäumte.

Getrübt wird die nostalgische Stimmung nicht von Schröders Anwesenheit, sondern eher durch eine Umfrage des „Mirrors“. Ihr zufolge wissen 73 Prozent der Briten gar nicht, wann, warum und wo sich der D-Day überhaupt ereignet hat.

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