Politik : „Die Deutschen wissen heute wohl…“

Vom Schweigen über den Krieg bis zum „Tag der Befreiung“ – die Bundespräsidenten und der 8. Mai 1945

Gerd Appenzeller

60 Jahre nach der deutschen Kapitulation wird heute wieder darum gestritten, was diese Stunde null, als die sie immer wieder bezeichnet wurde und die sie dennoch nie war, für Deutschland bedeutet. Mit dem Sturz der Hitlerdiktatur wurden wir, wie Richard von Weizsäcker es in seiner Rede vom 8. Mai 1985 formulierte, vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befreit. Und deshalb nannte er den 8. Mai 1945 einen „Tag der Befreiung“. Andere Bundespräsidenten haben Worte gefunden, die damit teilweise übereinstimmten – oder sich davon geradezu absetzten.

Jede der Reden ist nur aus dem Geist der Zeit zu verstehen. So erklärt sich auch, dass am 8. Mai 1955, zum zehnten Jahrestag der Kapitulation, kein Bundespräsident an das Datum erinnerte. Es war der Höhepunkt des Kalten Krieges, der zwei Jahre zuvor in Korea heiß geworden war. Am 9. Mai 1955 wurde die Bundesrepublik Mitglied der Nato. So, wie die DDR sich zu dieser Zeit schon als das geläuterte, das neue Deutschland an der Seite des Siegers UdSSR sah, trat die Bundesrepublik militärisch in die Reihe der westlichen Siegermächte. Es war nicht die Zeit der Rückblicke.

Noch bevor er zum ersten deutschen Staatsoberhaupt gewählt wurde, hatte Theodor Heuss am 8. Mai 1949, in einer Rede vor dem Parlamentarischen Rat Worte gefunden, die man heute noch nachvollziehen kann: „Im Grunde bleibt dieser 8. Mai die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind“, sagt er.

Am 7. Mai 1965 spricht Präsident Heinrich Lübke auf einem Festakt zur 300-Jahr-Feier der Handelskammer Hamburg. Er verliert kein Wort über Krieg, Niederlage und Massenmord, obwohl zur gleichen Zeit beim Auschwitzprozess in Frankfurt am Main Oberstaatsanwalt Großmann in seinem Schlussplädoyer das „furchtbarste Massaker der Menschheitsgeschichte“ anklagt. Heinrich Lübke bedauert stattdessen, dass Vaterlandsliebe und Treue zur Heimat oft als altväterlich und überholt verächtlich gemacht würden. Wer rätselt, warum in Deutschland wenig später Studenten auf die Straße gingen, findet hier Erklärungen.

Fünf Jahre später ist Deutschland eine andere Republik, der Bundespräsident erstmals ein Sozialdemokrat, die Regierung sozialdemokratisch-liberal. Gustav Heinemann sagt am 8. Mai 1970 vor dem diplomatischen Korps: „Wir wissen heute, dass es nicht weiterführt, Verlorenem nachzutrauern, dass es jetzt vor allem darum geht, die Aufgabe der Aussöhnung auch nach Osten hin zu einem guten Ende zu bringen.“ Und er spricht in bewegten Worten über die deutsche Schuld.

Als Walter Scheel am 7. Mai 1975 in der Bonner Schlosskirche redet, sind die Ostpolitik und die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die KSZE, in einer SchlusspPhase. Der FDP- Politiker ist dennoch nachdenklich: „So gedenken wir des Kriegsendes mit Schmerz. Wir Deutsche haben heute keinen Grund zu feiern. Adolf Hitler war kein unentrinnbares Schicksal. Er wurde gewählt…“ Hoffnung schöpft Scheel aus dem, was damals Verfassungspatriotismus benannt wurde, aus dem Vertrauen auf die einigende und läuternde Kraft des Grundgesetzes. Aber Scheel weiß, dass dieser Konsens nicht von allen geteilt wird. Kurz zuvor hatte ein RAF- Kommando die deutsche Botschaft in Stockholm überfallen.

Wer heute Richard von Weizsäckers Rede von 1985 liest, ist noch immer beeindruckt von der sprachlichen Kraft und den ungeschnörkelten, eindringlichen Formulierungen. Weizsäcker tastet sich an den Begriff vom „Tag der Befreiung“ nicht heran, er ist nicht der Schlusspunkt eines komplizierten Gedankengebäudes. Nein, die Rede strebt zielgerichtet schon nach wenigen Minuten darauf zu. Da ist nichts versteckt, wird nichts relativiert und zur Diskussion gestellt – der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.

Zehn Jahre später, zum 50. Jahrestag der Kapitulation, ist Deutschland wiedervereinigt und Roman Herzog kann im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt beim offiziellen Staatsakt in Anwesenheit hoher Vertreter der Siegermächte von einst sprechen. Man tritt Herzog nicht zu nahe, wenn man ihn keinen begnadeten Redner nennt. Aber vielleicht war gerade hier sein eher trockener, analytischer Vortragsstil angemessen. Herzog mahnt seine Landsleute: „Die Deutschen wissen auch heute noch sehr wohl – heute vielleicht sogar deutlicher als vor 50 Jahren – dass ihre damalige Regierung und viele ihrer Väter es gewesen waren, die für den Holocaust verantwortlich waren und Verderben über die Völker Europas gebracht haben.“ Er schließt mit einer Perspektive, die heute, ein Jahr nach der Osterweiterung der Europäischen Union, eindringlich nachhallt: „Westeuropa ist eine Insel des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands – die Insel muss größer werden, Stück für Stück und Land für Land.“

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