Politik : Die doppelte Besatzung

Palästinenserinnen berichten über den Alltag in Flüchtlingslagern

Andrea Dernbach

Berlin - Der Flug nach Berlin ist kurz, wenn man ihn mit den Wegen von Moyassar Algam in ihrer Heimat vergleicht. Die Strecke zwischen Ramallah und Nablus zum Beispiel, sagt die 55-jährige Palästinenserin, sei normalerweise in einer halben Stunde zu schaffen. Tatsächlich kostet sie die Palästinenser sechs Stunden: Die Checkpoints auf dem Weg sind die Hürden eines unendlichen Hindernislaufs. „638 davon gibt es allein auf palästinensischem Boden, nicht zwischen Israel und den Gebieten, sondern in Palästina! Wozu dort? Doch nur dazu, uns das Leben unerträglich zu machen!“

Das ist es unter den Bedingungen der Besatzung ohnehin, sagt Algam, die seit ihrer Geburt im Flüchtlingslager Qalandia nahe Jerusalem lebt, direkt hinter einem großen Kontrollpunkt jener Mauer, die das Westjordanland und Israel voneinander trennt. Algam war 23 Jahre lang Lehrerin an einer der beiden Grundschulen von Qalandia, jetzt ist sie Präsidentin des Frauenzentrums im Lager, das vom deutschen Entwicklungsministerium unterstützt wird. „Frauen leiden nicht nur unmittelbar unter der israelischen Besatzung, sie leiden zudem ihrer Kinder wegen oder unter der Gewalttätigkeit ihrer Männer.“

Auch die, sagt ihre Kollegin Suad Ka’bna, werde durch die Bedingungen der Besatzung verschärft. Beide Frauen erzählen von Kontrollen des israelischen Militärs aus heiterem Himmel, den plötzlichen Aufforderungen aus den Lautsprechern, dass alle Männer ab 16 Jahren sich auf dem Sportplatz oder in der Schule versammeln sollten. „Dort bleiben sie manchmal vom Morgen bis zum Abend, die Hände über dem Kopf verschränkt. Sie sitzen im Schlamm.“ Wer sich in dieser beschämenden Lage vor seiner Frau und seinen Kindern erlebt, sagt Ka’bna, versucht oft verzweifelt durch gewalttätiges Auftreten zu Hause die verlorene Autorität zurückzugewinnen.

Die 20-jährige Nida Hussein Jahajhe wurde ebenfalls im Lager geboren. Ihr Vater zog nach Qalandia, damit er mit ihrer Mutter zusammenleben konnte. Nida studiert Sprachen an der Bir-Zeit-Universität; sie will Übersetzerin werden. Auf Arbeit kann sie mit viel Glück in einem Büro der palästinensischen Autonomiebehörde hoffen, denn nichtstaatliche Wirtschaft gibt es so gut wie nicht in den besetzten Gebieten. In Qalandia, dessen Bewohner seit der Abriegelung des Westjordanlandes 2003 und dem Bau des Mauerriegels kaum noch in Israel und Ost-Jerusalem arbeiten können, ist die Arbeitslosigkeit von 10 auf 60 Prozent gestiegen. Emigration? „Kein Land will Palästinenser.“

Und Hoffnung? Moyassar Algam antwortet sofort: „Hätten wir sie nicht, wären wir nicht hier in Berlin.“ Ohne sie könnte sie überhaupt nicht leben, sagt Suad Ka’bna. Es ist die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. „Die größte Hilfe der Welt für uns Palästinenser“, sagt Algam, „wäre das Ende dieser Besatzung.“

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