Politik : "Die Dorfbewohner gehorchten ..."

PAUL STOOP

Ermittler des Haager Jugoslawien-Tribunals, Vertreter der OSZE und des Europarats sowie verschiedene Menschenrechtsgruppen befragen Kosovo-Vertriebene nach ihren Erfahrungen.Manche dieser Informationen über Vertreibung, Mord und Vergewaltigung werden später dem UN-Tribunal oder nationalen Gerichten als Grundlage für Nachforschungen und Zeugenbefragungen dienen - und möglicherweise zu Prozessen gegen Täter führen.

Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" hat sich entschlossen, Ergebnisse einer ersten umfangreichen Befragung zu veröffentlichen.Diese soll in erster Linie dazu dienen, die Umstände der Massenflucht zu klären, den Bedarf an Hilf einzuschätzen und mittelfristig besser planen zu können.1537 Flüchtlinge wurden in Rozaj in Montenegro befragt.Dort waren Flüchtlinge zunächst notdürftig in Fabriken untergebracht; inzwischen wurden Zelte für Neuankömmlinge errichtet.

Die Befragung soll respräsentativ für die 25 000 Kosovaren sein, die zum Zeitpunkt der Befragung in Rozaj waren.Das wichtigste Ergebnis lautet: Die Vertreibungen im Kosovo erfolgten hauptsächlich durch physischen Zwang der Serben.Fast die Hälfte der Befragten verließen Haus und Hof unter direkter Drohung - ein krasser Widerspruch zur serbischen Propaganda, die das "Exil" der Kosovaren als Folge der Nato-Angriffe bezeichnet.In allen Fällen werden Polizei, Milizen und die jugoslawische Bundesarmee als Täter genannt.Fast jedem zweiten Flüchtling nahmen Serben den Paß ab.

Zusätzlich zur Erhebung von Daten in Rozaj dokumentieren die "Ärzte ohne Grenzen" persönliche Aussagen Vertriebener.Der Bericht eines 65jährigen Mannes aus Doberluk ist typisch für das Vorgehen der Serben, wie sie in vielen Erzählungen geschildert wird: "Mein Dorf wurde drei Tage lang von Granaten durch die Bundesarmee angegriffen.Am 16.April kamen Soldaten und Polizisten und befahlen allen zu gehen.Die Dorfbewohner gehorchten.Sobald die Häuser leer waren, brannten die Serben sie nieder." Diese Vertreibungen entsprechen genau dem Muster, nach dem serbische Milizen in Bosniens gegen Nicht-Serben vorgingen, etwa in der Region Prijedor 1992.

Die meisten Befragten erwarten nicht, in absehbarer Zeit in ihre Heimat zurückkehren zu können.Sie würden in den nächsten Wochen wohl in Rozaj bleiben, hieß es meist.Gleichgültig, wo sie am Ende Zuflucht finden - viele werden nach Angehörigen suchen.Jeder zehnte der Befragten hat mindestens ein Familienmitglied im Kosovo zurückgelassen.

Was die Flüchtlingshilfe in den Lagern betrifft, sind die "Ärzte ohne Grenzen" realistisch: "Die Nichtregierungsorganisationen können diese Probleme allein nicht lösen." Die internationale Gemeinschaft solle gemeinsamen mit den staatlichen Behörden der Nachbarländer Jugoslawien nach mittelfristigen Lösungen suchen.

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