• Die Drogenbeauftragte Christa Nickels plädiert für Cannabis als Heilmittel und für Restriktionen bei Tabak und Alkohol

Politik : Die Drogenbeauftragte Christa Nickels plädiert für Cannabis als Heilmittel und für Restriktionen bei Tabak und Alkohol

Die Zahl der Drogentoten ist mit 1812 Personen im

Christa Nickels (47) ist seit 1998 Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Die Grünen-Politikerin hat 13 Jahre als Krankenschwester auf einer Intensivstation gearbeitet. Sie tritt für eine pragmatische Drogen- und Suchtpolitik ein.

Die Zahl der Drogentoten ist mit 1812 Personen im Jahre 1999 wieder deutlich gestiegen. In den letzten 20 Jahren lag sie nur zweimal höher als heute. Was sagen diese Zahlen aus?

Diese Zahlen sind besorgniserregend, aber sie sind nicht alleiniges Kriterium für den Erfolg oder Misserfolg einer Drogen- und Suchtpolitik. In den europäischen Ländern werden die Statistiken sehr unterschiedlich geführt. Wer beispielsweise in Deutschland verunglückt und unter Drogeneinfluss stand, gilt als Drogentoter. Auch wurden hier nur zwei Drittel aller Personen, die als Drogentote in der Statistik erscheinen, obduziert. Hinzu kommt, dass wir in der letzten Zeit europaweit eine starke Zunahme von Mischkonsum bei Drogen haben, der offenbar den Wiederanstieg der Todeszahlen mitverursacht. Das ist eine sehr schwierige Problematik. Wir wissen noch nicht, wie man solchen Abhängigen wirksam helfen kann.

Ins Gerede gekommen ist auch das Methadon. 1999 starben 323 Menschen, die Methadon mitkonsumiert hatten. Bei 28 Fällen wurde Methadon sogar als alleinige Todesursache festgestellt. Wie wollen Sie diese negative Entwicklung in den Griff bekommen?

Wir haben ein so genanntes Substitutionsregister eingeführt. Das soll verhindern, das Patienten gleichzeitig zu mehreren Ärzten gehen. Das Methadon auf dem grauen Markt, welches die Gestorbenen eingenommen hatten, stammt meist aus solchen Doppelverschreibungen. Zusätzlich haben wir für Ärzte, die Methadonpatienten betreuen, eine "Qualifikation Sucht" als Zusatzausbildung vorgeschrieben. Die Richtlinien dazu hat die Bundesärztekammer bereits erarbeitet.

Die Lebens- und Arbeitswelt ist sehr komplex geworden. Schon Kinder stehen unter hohem Leistungsdruck in der Schule, die Eltern sind gestresst und im Beruf oft überfordert. Lebensqualität als Prävention - welchen Einfluss hat darauf die Drogenpolitik?

Die Verantwortung für ihren Lebensstil kann die Gesellschaft nicht auf die Politik abwälzen. Die Politik kann die Rahmenbedingungen verbessern, beispielsweise mehr Kindergeld zahlen oder den Erziehungsurlaub reformieren. Aber es ist illusorisch zu hoffen, man könne Sucht allein durch Verbote und Polizei in den Griff bekommen. Vor allem die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen müssen bei allen politischen Entscheidungen mitbedacht werden. Schon im Vorschulalter ist der Leistungsdruck so enorm, dass schätzungsweise ein Drittel der Schulanfänger Medikamente nehmen. Da wird die Einbahnstraße in die Sucht bereits angelegt.

Und zwar mit legalen Drogen.

Alle wissenschaftlichen Studien zeigen, je früher Kinder oder Jugendliche Tabletten nehmen, zum Glimmstengel greifen oder regelmäßig trinken, desto größer ist die Gefahr, dass sie später suchtkrank werden.

Verstehen Sie, wenn Jugendliche zu solchen Drogen greifen?

Das verstehe ich. Nehmen Sie zum Beispiel junge Leute, die in Familien aufwachsen, wo beide Eltern sie ständig zuqualmen und wo ein Abend ohne Bier gar nicht vorstellbar ist. Eltern, aber auch Lehrer oder Betreuer in Jugendeinrichtungen sind - auch wenn das altmodische Begriffe sind - Verantwortliche und Vorbilder.

Sie wollen beim Alkohol Werbeverzicht und Warnhinweise auf Spirituosen einführen. Nach jeder Zigarettenwerbung im Kino folgt heutzutage ein angegilbtes Dia mit der Aufschrift aus den frühen achtziger Jahren "Die EG-Gesundheitsminister warnen: Rauchen gefährdet ihre Gesundheit". Was versprechen Sie sich davon, dies nun auch beim Alkohol zu machen?

Das sind Verbraucherinformationen. Deshalb finde ich solche Hinweise auf Schnapsflaschen und Zigarettenpackungen richtig. Natürlich ist das nicht das non plus ultra. Aber wir wollen, dass die Industrie sich der Verantwortung stellt und ihren Bekenntnissen zum Kinder- und Jugendschutz auch Taten folgen lässt. Zusätzlich wollen wir erreichen, dass Zigaretten und Tabak nicht mehr an Jugendliche unter 16 Jahren verkauft werden dürfen.

Die meisten populären Krimis oder großen Fußballspiele im Fernsehen werden mittlerweile von Bierfirmen gesponsort. Sie wollen also erreichen, dass diese Firmen künftig darauf verzichten?

Sponsoring und Werbung sind zwei Paar Schuhe. Wir haben uns für die Gespräche mit Spirituosen-Industrie und Werbewirtschaft gut vorbereitet. Denen möchte ich aber nicht vorgreifen.

Noch immer fehlen Therapieplätze. Die Bundesländer müssen sparen. Sind Sie angesichts der leeren Kassen nicht zu einer Politik der Worte statt Taten verdammt?

Keineswegs, wenn einen der Druck der knappen Kassen auch dazu zwingt, sehr genau zu überlegen, was man tut. Dabei können die Städte beispielsweise von den Vorarbeiten anderer lernen. Man muss nicht immer das Rad neu erfinden und Projekte doppelt machen. Die Zahl der Therapieplätze ist durchaus ausreichend.

In der Drogenpolitik gibt es die vier Bereiche: Prävention, Therapie, Repression und Schadensminimierung. Warum tun sich Politiker und Öffentlichkeit so schwer mit dem Konzept der Schadensminimierung? Beispiel: Der Staat richtet Räume ein, in denen Fixer ihr Heroin unter staatlicher Aufsicht spritzen können.

Diese Politik scheint ein wenig paradox. Wir stellen Handel und Besitz harter Drogen unter Strafe, gestatten aber gleichzeitig den Konsum dieser illegalen Drogen in öffentlich finanzierten Druckräumen. Das Konzept hat sich durchgesetzt, weil man die gesundheitliche Situation und die Überlebenschancen der Betroffenen deutlich verbessern kann. Das ist wirkliche Hilfe für Menschen, die ganz unten angekommen sind. Umgekehrt jedoch darf keinesfalls der Eindruck entstehen, Drogenkonsum sei im Grunde gar nicht so schlimm.

Ganz unten in der Gesellschaft und besonders gefährdet sind auch Migranten, vor allem solche ohne Aufenthaltsstatus. Wie können Sie denen helfen?

Dieser Problematik wollen wir uns stellen, aber eine Lösung ist noch nicht gefunden. Auch betrifft das Problem nicht nur so genannte Illegale, sondern auch Aus- und Übersiedler. Hier spielen oft mangelnde Sprachkenntnisse eine Rolle. Wir lassen im Augenblick wissenschaftliche Studien erarbeiten, um neue Wege zu finden.

Auch zum Einsatz von Cannabis als Heilmittel wird intensiv geforscht. Haschisch auf Rezept, wird das in dieser Legislaturperiode noch kommen?

Ich bin da ziemlich zuversichtlich. Mittlerweile ist unbestritten, dass Cannabis bei schweren Krankheiten wie Krebs, Multiple Sklerose oder Aids Linderung bringt und Hilfe leistet. Das Modellprojekt in Berlin wird in etwa eineinhalb Jahren abgeschlossen sein. Das Thema Haschisch als Medikament war lange Zeit tabuisiert, das hat sich zum Glück inzwischen geändert.

Brauchen Sie für Haschisch auf Rezept die Zustimmung der Bundesländer?

Nein.Das Gespräch führten Beatrice von Weizsäcker und Martin Gehlen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben