Die ehemalige Grenze als Biotop : Vom Todesstreifen zur grünen Brücke

Entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entsteht ein Nationales Naturmonument. Vaclav Havel, Marianne Birthler und Lech Walesa legten dafür den Grundstein. Ein Gastbeitrag

Von Anja Siegesmund und Peter Wurschi
Das "Grüne Band" von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Das "Grüne Band" von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.Foto: promo

Wer auf dem Kolonnenweg auf den Rasenplatten entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze wandert, kommt ins Grübeln: Man „folgt“ unweigerlich den Wegen der Grenzsoldaten, die hier zu Fuß oder mit schwerem Gefährt patrouilliert hatten. Jahrzehntelang trennte diese Grenze den Osten und Westen Deutschlands in zwei Teile. Entlang dieser Grenze befanden sich Minen, Selbstschussanlagen und Stacheldraht. Das tiefgestaffelte Grenzsystem der DDR zerstörte Leben, verstörte Menschen und riss über Jahrhunderte gewachsene Sozialräume auseinander.

Gleichzeitig entdeckt das Auge heute eine unglaubliche biologische Vielfalt: Ameisenbläulinge, Moorklee und Borstige Glockenblume sind zu entdecken. Und schweift der Blick, so sieht man am Horizont die Schafe und Ziegen, wie sie die wertvollen Flächen pflegen. In diesem Todesstreifen wuchs über Jahrzehnte Leben heran. Vom Osten her kam keiner an die Grenze heran, im Westen wollte kaum jemand im „Zonenrandgebiet“ leben. So konnte sich die Natur ungehinderter als anderswo entfalten. Es entstanden Biotope und Rückzugsräume für zahlreiche Pflanzen und Tiere. Bereits vor 40 Jahren wurde damit begonnen, die Natur des Grenzstreifens von der Westseite aus zu kartieren, dabei wurde eine enorme Arten- und Lebensraumvielfalt entdeckt.

Aber erst mit der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer wurde die Einzigartigkeit dieses Gebietes deutlich, welches sich heute als „Grünes Band“ auf mehr als 12 000 Kilometern von der Ostsee bis an das Schwarze Meer durch ganz Europa zieht. Mit 763 Kilometern hat Thüringen mehr als die Hälfte des Grünen Bandes in Deutschland und trägt eine besondere Verantwortung, diese Perlenkette der Natur zu erhalten.

Vom Südharz über das Werrabergland bis zum Thüringer Schiefergebirge schlängelt sich das Thüringer Grüne Band und durchzieht unter anderem eine einzigartige Gipskarstlandschaft, die hügeligen Züge der Rhön und die Heidelandschaften im Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale. Wer hier entlangwandert, sieht: Beides gehört zusammen. Der Blick zurück und die Perspektive nach vorn. Das gilt für das Vergangene und das Kommende ebenso wie für die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte und die Bedeutung dieses Streifens für den Naturschutz.

Das Bewahren der Geschichte als Ort ist eine wesentliche Aufgabe

In dieser lebendigen Landschaft des „Grünen Bandes“ erinnern an vielen Stellen Relikte – Sperranlagen, Warnschilder, Zaunreste, Grenztürme – an die deutsche und europäische Teilung. In den vier Thüringer Grenzlandmuseen in Mödlareuth, Geisa (Gedenkstätte Point Alpha), Schifflersgrund und Teistungen kann die Geschichte der Teilung und Wiedervereinigung nachvollzogen werden. Und das gehört zu einer gelingenden Aufarbeitung ebenso dazu wie das Erzählen über das Vergangene.

So vieles Gemeinsame ist seitdem geschafft, so viel aufgebaut, verbunden und zusammen auf den Weg gebracht worden. Das Bewahren der Geschichte als Ort ist eine wesentliche Aufgabe. Diese enge Verbindung zwischen Geschichte und Natur soll durch die Ausweisung des „Grünen Bandes Thüringen“ als Nationales Naturmonument unterstrichen und beide Elemente – Natur und Erinnerungskultur – gleichwertig geschützt und weiterentwickelt werden.

Das Nationale Naturmonument „Grünes Band Thüringen“ will die einzelnen Natur- und Geschichtsorte miteinander verbinden. Aus dem Stückwerk soll ein Ganzes werden. Wo einst Kontrollstreifen, Schutzstreifen und Sperrzone ein Land trennten, soll nun zwischen altem Kolonnenweg und der Thüringer Landesgrenze ein Kernbereich von 50–200 Metern Breite und somit ein Areal von rund 6 800 Hektar unter besonderen Schutz gestellt werden.

Thüringen ist dabei Vorreiter, bislang gibt es kein großflächiges Nationales Naturmonument in der Bundesrepublik. Davon profitieren sollen auch die Menschen vor Ort. Ohne sie ist ein solches Projekt nicht realisierbar.

Ein Nationales Naturmonument „Grünes Band Thüringen“ birgt auch touristisches Potenzial. Schon heute verbindet der Iron Curtain Trail – der Radweg entlang des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ von der Barentsee zum Schwarzen Meer – auf über 12 000 Kilometern viele europäische Länder. Vaclav Havel, Marianne Birthler und Lech Walesa legten dafür den Grundstein, Europapolitiker wie Michael Cramer arbeiten bis heute an der Umsetzung.

- Anja Siegesmund ist Umweltministerin von Thüringen (Grüne), Peter Wurschi ist Mitarbeiter der Stiftung Ettersberg und Lehrbeauftragter an der Universität Erfurt. Beide Autoren haben die friedliche Revolution in der DDR als Jugendliche erlebt.

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